"Depeche Mode": In der Welt des wohligen Leidens

22.03.2013 | 10:14 |  Von Peter Huber (DiePresse.com)

Niemand zelebriert Leiden so gekonnt wie die Elektro-Pioniere von Depeche Mode. Ihr neues Album "Delta Machine", das heute erscheint, ist kraftvoll und harmonisch. Alle 13 Songs in der Schnellkritik.

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Ob Sie ein Depeche-Mode-Fan sind oder nicht, lässt sich anhand folgender Frage ermitteln: Was passiert seit 1993 regelmäßig im Abstand von vier Jahren? Fans kennen natürlich die richtige Antwort: Ein neues Depeche-Mode-Album erscheint. 2013 ist es also wieder so weit. Und zwar heute, am 22. März.

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"Delta Machine" heißt das 13. Studioalbum von Depeche Mode, das wohl nicht zufällig mit genau 13 Songs bestückt ist. Und wieder einmal gehen die Meinungen weit auseinander. Besonders vernichtend urteilt "Die Zeit": "Wer aus Reflex das neue Album von Depeche Mode kauft, wird mit Ödnis bestraft. Wer es bei vollem Bewusstsein tut, muss ein wahrer Fan sein." Die Berliner "BZ" bezeichnet das Werk als "müde und fast malde", die "Westdeutsche Zeitung" spricht hingegen von einem "mutigen, kraftvollen und elektronischen" Album. Und "Spiegel Online" bezeichnet die Band flapsig überhaupt als "Monsters of Brummfurz" - was auch immer das sein soll.

Harmonie und Minimalismus im Vordergrund

DiePresse.com hat sich das Album des britischen Trios - bestehend aus Songwriter Martin Gore, Sänger Dave Gahan und Band-Kitt Andy Fletcher - angehört. Eines fällt sofort auf: Geriet bei den beiden Vorgängern "Playing the Angel" (2005) und "Sounds of the Universe" (2009) Dave Gahans Stimme bei den ambitioniert eingestreuten Nebengeräuschen mitunter fast zum Nebendarsteller, präsentiert sich der Sänger auf "Delta Machine" wieder selbstbewusst, kraftvoll und manipulierend.

Im Gegensatz zum schon allein vom Titel her fast arrogant anmutenden "Sounds of the Universe" kommt das neue Album wesentlich minimalistischer daher. Die breit eingestreuten Störgeräusche des Vorgängers fallen weg. Entstanden ist ein harmonisches, deutlich melodischeres Werk, das einen roten Faden aufweist. Erstmals seit "Songs of Faith and Devotion" (1993) gibt es auch kein einziges eingeschobenes Instrumentalstück, "Delta Machine" wirkt daher wie aus einem Guß.

Die 13 Songs in der Schnellkritik:
 (c) 1996-2001 AccuSoft Co., All righ Depeche Mode Welt wohligen

(c) 1996-2001 AccuSoft Co., All righ Depeche Mode Welt wohligen


"Welcome to my World" ist eine Art Einladung an alle, die Depeche Mode noch nicht kennen. Der Song startet mit einem typischen Wummern, ehe Dave Gahan seine Stimme erhebt. "Step right through the door, leave your tranquilizers at home, you don't need them anymore". Der Song gibt die Linie des Albums vor: Mimimalistischer Techno wie ihn Martin Gore schon mit dem Ex-Band-Kollegen Vince Clark auf deren Techno-Projekt "VCMG" geübt hat. Und auch der Text stammt unverkennbar aus Gores Feder: "I weep into your eyes, I make your vision see, I'll open endless skies, and right your broken wings". Für eingefleischte Fans mag das fast ein wenig zu optimistisch sein.
 
Es folgt "Angel". Den Song hatte die Band bereits bei der Präsentation der Tour-Daten im Oktober 2012 als vielversprechenden Vorboten vorgestellt. Kraftvolle Beats unterstützen einen ebenso vitalen Gesangspart.
 
"Heaven" ist die vorab ausgekoppelte erste Single. Und wie so oft in der Bandgeschichte ist sie nicht gerade typisch für das Album, denn Depeche Mode lieben das Spiel mit Nebelkerzen. Das Album klingt zumeist ganz anders, als es die erste Single vermuten lässt ("Barrel of a gun", "Precious", "Wrong"). Die bluesartige Ballade führt textlich auf vertrautes Terrain: "I will end up dust, I'm in heaven", singt Gahan sehnsüchtig.

Bei "Secret to the End" wabern die Synthesizer wohlwollend dahin. Der Refrain "Should've been you" saugt sich ins Ohr. So soll ein Depeche-Mode-Song klingen. "Oh the book of love, was not enough to see us through".
 
"My Little Universe" beginnt musikalisch wie ein Stück von Martin Gores bereits erwähnten Projekt VCMG. Puristischer Techno, dem schließlich Dave Gahan seine charismatische Stimme entgegenstemmt. Zwischendurch verdrängen bedrohlich aufbauende Klang-Gebäude die fast schon kitischige Harmonie, ehe schnelle Beats den Song dem Ende entgegentreiben. Und in dem beschriebenen Universum sind die Verhältnisse klar: "Here I am King, i decide everything, I let no one in, no one".

Ein markanter Riff dominiert "Slow". Das ist eingängig und ein Musterbeispiel dafür, wie man mit wenigen Effekten große Gefühle erzeugen kann. "That’s how I like it", singt Gahan und man kann ihm nur zustimmen.

Mit "Broken" geht es weiter. Nun ist man tief drin in der Welt von Depeche Mode. Niemand zelebriert das Leiden so schön: "How long will you suffer?", fragt Gahan konsequent. Es ist das grundlegende Bandthema, das der Song mit gewohnter Melancholie abhandelt. "When you‘ re falling, i will catch you", verspricht Gahan.
(c) Sony Music Cover von ''Delta Machine''

(c) Sony Music Cover von ''Delta Machine''


In der Ballade "The child inside" greift Songwriter Martin Gore selbst zum Mikrofon. Der Song steht ganz in der Tradition von ähnlichen Schmachtnummern wie "Damaged People" und "Jezebel".

Bei "Soft Touch/Raw Nerve" hämmert es ganz ordentlich los. Der Song bleibt aber zu monoton, zu belanglos, um zu überzeugen. Es ist die schwächste Nummer des Albums.

Mit "Should be Higher" folgt eines der Highlights von "Delta Machine". Der Song weckt Erinnerungen an "Red Light" von Siouxsie and the Banshees. Selten klangen Depeche Mode so mit sich selbst im Reinen. "Your lies are more attractive than the truth, love is all I want", singt Dave Gahan, von dem - wie auch bei "Secret to the End" und "Broken" - Text und Musik stammen. Gahan fühlt sich in dieser Rolle neben Band-Stammschreiber Gore hörbar immer wohler. Auch live gesungen entwickelt der Song einen unglaublichen Sog. Er schmeichelt sich ins Ohr, wie man sich beim Letterman-Auftritt am 11. März überzeugen konnte.

Bei "Alone" sind wir zurück in der Welt des gepflegten Leidens. "Now it's too…, too late for what should've have been said long ago", heißt es da. Melancholie pur, die Essenz von Depeche Mode. Der Song überzeugt durch einen mehrstimmigen Refrain, der dann doch niemanden allein lässt.

Mit "Soothe my soul" zeigen sich die einstigen Heroen des Synthie-Pop von ihrer rockigen Seite. Tempowechsel machen den besonderen Reiz der Nummer aus. Im Refrain trällern Gahan und Gore abwechselnd "there is only one way to soothe my soul". Und sie besänftigen damit nicht nur ihre eigenen, sondern auch die Seelen der Hörer.

Die Band hat kein Problem mit Selbstzitaten, wie der Closer mit dem passenden Titel "Goodbye" zeigt. Das legendäre Riff des Depeche-Mode-Klassikers "I feel you" lässt grüßen. Zwischendurch fiept es ähnlich wie bei "A pain that i’m used to". Da zeigt sich noch einmal die Welt von Depeche Mode in all ihren Facetten. Es wäre wenig verwunderlich, wenn der Song auch die Konzerte der im Mai startenden Tour abschließen würde.

"Delta Machine" erscheint am 22. März. Am 24. März präsentieren Depeche Mode die neuen Songs erstmals live - im Wiener Museumsquartier. Karten kann man keine kaufen, aber das Konzert via Livestream mitverfolgen. Am 23. März sind sie zu Gast bei "Wetten, dass ...?" in Wien.

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