Auch für Adam Green ist die Liebe ein Hospital

29.03.2013 | 18:34 |  SAMIR H.KÖCK (Die Presse)

Mit Binki Shapiro sang er im Flex sehr romantisch über unromantische Aspekte der Liebe. Ein Spektakel.

Drucken Versenden AAA
Schriftgröße
Kommentieren

Der dichte Vollbart, einst äußeres Zeichen für die Reife eines Mannes, wird heutzutage mit Vorliebe von Herren getragen, die einen noch dichteren Komplex an Problemen mit sich führen. So möchte man Adam Green gar nicht fragen, was alles unrund läuft bei ihm. Wenigstens kann er ein bisserl etwas davon auf der Bühne ausagieren.

Diesmal stand an, sein siebtes, mit der kalifornischen, wie ein Cowgirl aussehenden Sängerin Binki Shapiro eingespieltes Album live aufzuführen. Aufführen ist ein gutes Stichwort: Das taten von Anbeginn jede Menge Klassenkasperln und kreischende Girls. Während sich Green belustigt darüber gab, dass einer die Rampe stürmte und dort feierlich die Hose herunterließ, war Miss Shapiro über das exzessive Jungmädchenzigarettenrauchen in den ersten Reihen weniger erfreut. Nicht einmal ihr strengstes Hüsteln verhinderte die Rauchwölkchen. Sie fand dennoch ihre gute Laune wieder. Bei ihrem immer wieder aufblitzenden Lächeln entdeckte man, dass sie ihre Zungenspitze nicht im Griff hatte. Jedes Mal schlüpfte sie über die Zähne. Das sah süß aus, so süß, wie ihre Lieder zynisch sind.

 

Pubertätslyrik bei Suhrkamp

Früher sang Shapiro bei Little Joy, einem anarchistischen Trio mit Rodrigo Amarante (jetzt bei Devendra Banhart) und Fabrizio Moretto (Strokes-Drummer). Nun singt sie eben mit Adam Green, dem einzigen Menschen, der Pubertätslyrik im Suhrkamp-Verlag veröffentlichen durfte. Mit Shapiro hat er sein Songwriting nun weiterentwickelt. Rein äußerlich sind es romantische Duette im Stil von Lee Hazlewood und Nancy Sinatra. Vielleicht ein wenig zu stark auf Country, aber melodisch attraktiv. Hört man aber auf die Texte, offenbart sich ein Entwicklungssprung bei Green: Eben noch der große Naive, ist er ins abgeklärte Fach gewechselt. Die Liebe ist ihm ein einziges Hospital, wie das einst Peter Weibel so trefflich formuliert hat. Sie bringt nichts als Enttäuschung und Überforderung. Im sanft dahinplätschernden „Pity Love“, ersetzt Mitleid die romantische Aufwallung, in „Don't Ask For More“ wird Rationierung der Zuneigung als Mittel zu deren Steigerung eingesetzt. Auch die wunderschöne Melodie von „Unattainable“ führt nichts als an den Abgrund der Verweigerung: „I'll choose unloved instead“.

Nur selten sang Green älteres Zeug wie „Friends of Mine“ und „Buddy Bradley“. Beides wurde wild gefeiert. Wer wollte schon Klagen wie im Song „What's My Reward“ hören? „Even my Lolitas are growing up“, seufzte der Barde da, obwohl sich ihm im Flex die 17-jährigen Mädchen entgegenbogen. Highlight des Abends war der letzte Song „Collage“, 1966 von Joe Walsh komponiert. Der hatte halt noch Mut zur Romantik. Dass er später ein schwerer Alkoholiker wurde, muss man ja nicht wissen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.03.2013)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

Platten der Woche

Song der Woche

  • 12.04.2014Die vergiftete Spielzeugpistole
    Noise Queen: Die 22-jährige Margaret Chardiet vulgo Pharmakon aus New York liebt den Lärm und den Schrecken. Am 30. April tritt sie beim Donaufestival in Krems auf.

Meinung

Jetzt Kultur-Newsletter abonnieren

Die Meldungen des Tages aus den Bereichen Kunst und Kultur. Kostenlos.

Newsletter bestellen

Code schwer lesbar? » Neu laden

AnmeldenAnmelden