The xx: Junge Menschen, überzeugend lebensmüde

16.05.2013 | 18:13 |  SAMIR H.KÖCK (Die Presse)

Die britische Band lockte im Wiener Gasometer in ein Labyrinth aus verkappter Liebe und existenzieller Erschöpfung.

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Der Unterschied zwischen Vorgruppe und Haupt-Act hätte nicht größer sein können: Den Abend eröffneten die studentisch-chaotischen Mount Kimbie, die ihren dicken Dubstep-Teig mit viel zu viel Ingredienzien anreichern. Ihr Klangbild haben sie schon für ihr zweites Album signifikant verändert. Welch Leichtsinn!

Ganz anders The xx. Sie bleiben eisenhart bei ihrem einmal ausgetüftelten Sound, und sie bringen die aufgeräumtesten Songs seit Joy Division. Ihre knappe Ästhetik scheint dem alten Sinnspruch geschuldet, dass nichts einem Weisen mehr ähnelt, als ein Narr, der den Mund hält. Es sind tatsächlich die kurzen Pausen, die Momente der Stille, die ihre Melancholie magisch machen. Jeder Ton, jeder Schlag klingt bei ihnen wie eine bewusste Entscheidung.

Ein derart strikter Formwille strahlt auch eine Sehnsucht nach Heimat ab. Er ist ein Versuch, im Dschungel der heutigen Möglichkeiten nicht ganz der Auflösung anheimzufallen. Besonders anrührend ist dieses Streben immer dann, wenn The xx Lieder von patinierten Chartsstürmern wie Wham („Last Christmas“) oder Womack & Womack („Teardrops“) ihrer ausdünnenden Behandlung unterziehen. Auf diese präzise zwischen Verstörung und Liebreiz austarierten Ausflüge in den Mainstream verzichteten sie leider bei ihrem umjubelten Auftritt im Wiener Gasometer, nicht einmal den neuen Song „Together“ (aus dem Soundtrack von „The Great Gatsby“) spielten sie. Schade. Wahrscheinlich wäre da ein Problem in der Dramaturgie ihres Sets aufgetaucht, das selbstverständlich penibel ausgedacht war.

Das Konzert begann mit dem leicht schwülstigen „Try“, dessen Szenario darauf abgestellt ist, introvertierte Sehnsüchtler aus ihrem Schneckenhaus zu schälen. „I can't resist you“, flötete Romy Madley Croft und bewegte dabei nicht einmal ihre Schultern. Man musste froh sein, dass sie wenigstens die Lippen spitzte, wenn sie ihre signifikanten Gitarrenmelodien absetzte. Diese Koketterie erinnerte an Schauspieler, die absichtlich untertreiben, um die Zuseher dazu zu bringen, ihre Hälse um so weiter zu recken.

 

Unterkühlte Liebesschwüre

Die paradoxe Unterkühltheit beim Austauschen von pathostriefenden Liebesschwüren zwischen Romy Madley Croft und Oliver Sim gehört zum neckischen Spiel. Besonders gut glückte dies in kunstvoll verschummerten Liedern wie „Reunion“ und „Crystalized“. Aus der Wolke des umfassenden Wohlgefühls lockten die ein wenig kraftvolleren Lieder wie „Heart Skips A Beat“ und vor allem „Fiction“, wo es schien, als würden die Protagonisten implodieren und dadurch ein letztes Mal das Leuchten in ihren Augen verstärken. Jamie X durfte mit „Far Nearer“ kurz seine Liebe zu gemäßigten House-Beats zeigen. Sonst segelte man auf sanften Wogen, setzte dem Verhängnisvollen der Existenz konsequenten Fatalismus entgegen. „Remember me, I'm the one that's back from over“, hieß es etwa in „Reconsider“.

Auch das Lapidare taugt zur Poesie. Und überhaupt: Nur junge Menschen können so überzeugend lebensmüde sein.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.05.2013)

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