Stadthalle: Leonard Cohens Reise ans Ende der Liebe

Suzanne, Marianne, die Sisters Of Mercy, die 27 Engel: Der 78-jährige Songpoet sang sie alle herbei. Und machte begreiflich, dass sich ihm auch der Tod in Frauengestalt nähern muss. Ein berührendes Konzert.

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Leonard Cohen – (c) EPA (SANDRO CAMPARDO)

„I don't know when we will meet again, but I promise that tonight we will give you all we've got...“ Also sprach Leonard Cohen, der soeben den ersten Weg auf dieses schönen Abends langer Reise „to the end of love“ zurückgelegt hatte. Und wenn das bei jedem anderen Getändel gewesen wäre, bei Cohen war's das nicht. Nicht nur, weil er, schon bei den ersten Zeilen auf seinen Knien, von Beginn an klarmachte, dass er alles zu geben bereit war, alles gab.

Nein, auch weil im Programm, mit dem er seit 2008 durch die Länder reist, die Ahnung des Endes immer deutlicher wird, das Wissen um die schweigsame Todesgöttin, die, wie Sigmund Freud im „Das Motiv der Kästchenwahl“ schrieb, den alten Mann zuletzt in die Arme nehmen wird. Sie ist wohl gemeint mit der geheimnisvollen Frau, die ihm im neuen Song „The Darkness“ den Becher reicht und gebietet, daraus die Dunkelheit zu trinken. „I got no future, I know my days are few“, heißt es im selben Lied.

Es ist klar und schön, dass sich diesem Mann, der sich mit milder Koketterie einmal in einem Songtitel den „Death of a Ladies' Man“ zugesagt hat, der stets den Eros im Heiligen und das Heilige im Eros gefunden hat, auch der Tod in Frauengestalt nähert. Doch nein, es ist noch nicht so weit, Cohen sieht für seine 78 Jahre blendend aus. Er tänzelt, er springt, er kniet, er zieht den Hut vor all seinen braven Musikanten. Er singt mit seiner stets noch und noch tiefer greifenden Stimme, er singt sie alle, alle herbei, die 27Engel, die ihn in den „Tower of Song“ gesperrt haben, Marianne, die Sisters Of Mercy, Janis Joplin in „Chelsea Hotel #2“, die verrückte Heilige Suzanne, die in die Untreue befreite Jane in „Famous Blue Raincoat“, jene Frau, der er in „Lover Lover Lover“ verspricht: „You may come to me in your deepest faith, or you may come in disbelief.“

Er selbst mag „untrue“ gewesen sein, singt er in „Bird on the Wire“, aber: „I hope you know it was never to you.“ Was für eine Entschuldigung! Diesem Lied, das er seit 1969 singt, gewinnt er jedes Mal neue Nuancen ab, wägt wieder neu ab, ob es mehr Schwur oder Beschwörung, Bekenntnis oder Beichte ist. Eine Feier der Freiheit in all ihren Ambivalenzen ist es immer. Und hier gönnt er auch seiner Stimme mehr Freiheit als sonst, lässt sie harsch und brüchig, ja dissonant klingen, wie später noch mehr im wunderbaren, so heiligen wie zerbrochenen „Hallelujah“ und natürlich in „Take this Waltz“, das die ohnehin schon große Rührung der Wienerinnen weiter steigen ließ – schließlich heißt es darin „In Vienna there's ten pretty women, there's a shoulder where death comes to cry“...

Damit war das reguläre Programm vorbei, und der lange Abschied konnte beginnen, mit einem entfesselt geheulten „So Long Marianne“, mit einem knackigen „First We Take Manhattan“, mit „Going Home“, in dem er den Schelm und Narren gibt, dem entrückten „If It Be Your Will“, in dem er zu sprechen und singen aufhört und den – von ihm zu Recht abermals als „sublime“ gewürdigten – Webb Sisters den vokalen Raum allein überlässt. Mit dem ausgelassenen „Closing Time“, bei dem noch einmal seine Band zeigte, dass sie in jedem Tanzcafé dieser Welt für eine spontane Aufhebung der Sperrstunde zu sorgen imstande ist.

 

„Still working for your smile“

Natürlich kam er auch diesmal noch einmal zurück, um „I Tried To Leave“ zu singen, in dem er sein Liebesethos und damit gleich auch sein Arbeitsethos auf den Punkt bringt: „Goodnight, my darling, I hope you're satisfied, the bed is kind of narrow, but my arms are open wide, and here's a man still working for your smile.“

Und weil vielleicht noch immer nicht genug gelächelt wurde in Wien, tat Leonard Cohen, was er nur selten tut: Er gab noch „Save the Last Dance for Me“ von den Drifters drauf. Damit war der Bogen vollendet, von „Dance Me to the End of Love“ bis zum letzten Tanz, bis zur Heimkehr. Was für ein Abend, was für ein Heimkehrer. Möge er noch lange reisen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.07.2013)

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