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Eagles: „It's Wild West all over again“

01.11.2007 | 17:49 |  SAMIR H. KÖCK (Die Presse)

Pop. Die Eagles wurden nach 28 Jahren wieder aktiv. Beim einzigen Europakonzert – in London – begeisterten sie.

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Wir schreiben das Jahr 1971. Marlon Brando hat einen Job als Don Corleone. Dabei kommt er ins Grübeln: „In ,Der Pate‘ geht es eigentlich nicht um die Mafia, sondern um den korporativen Geist. Auf ihre Weise ist die Mafia das beste Beispiel für den Kapitalismus, das es gibt.“ So ziemlich zur selben Zeit sitzen einige langhaarige Herren in einer kalifornischen Sauna und bereden die die Zukunft. Unter ihnen die Gründer der Eagles, Glenn Frey und Don Henley sowie der smarte Geschäftsmann David Geffen, der in schönsten Farben das Bild eines entstehenden Labels namens Asylum malt. Alles auf freundschaftlicher Basis.

Narr, wer daran glaubt. Es dauerte nur etwas mehr als ein Jahr und der aufstrebende Industrietycoon verkaufte für sieben Millionen Dollar an Warner Brothers. Dieser Moment gilt gemeinhin als das Ende der idealistischen Hippie-Ära, als jener Sündenfall, ab dem die Branche zu gierig wurde. Ungefragt im Deal inbegriffen waren alle Künstler. Auch die Eagles. Der Schock saß tief. Zu tief. Da halfen nicht einmal Verkaufszahlen, die in die zig Millionen gingen, die Eagles haben seither ein Selbstbild als Geprellte. Damals komponierten sie „Desperado“. So fühlten sie sich, und das war auch ein bisschen lächerlich.


Der Millionär als Systemkritiker

Leadsänger Don Henley ist einsichtig: „Diese Metapher war wohl ,Bullshit‘. Wir lebten in L.A., machten die Nacht zum Tag, rauchten Haschisch und bildeten uns ein, dass wir so radikal wie die Cowboys im alten Westen waren. Dabei rebellierten wir nicht gegen gesellschaftliche Zustände, sondern bloß gegen das Musikbiz.“ Seltsam ihre Methode: Zorn und Furor mündeten bei ihnen in sanften Harmoniegesang. Damit rutschten sie ins Vormittagsradio. Global. Das veränderte den Lebensstil. Zwar nicht in sechsspännigen Kutschen, dafür aber in Mercedes-Limousinen wirbelten sie den Staub der Landstrassen im Laurel Canyon auf. Dazu kam jede Menge Pokerspiel, Whiskey und Marschierpulver, wie Wiener Hobbytoxikologen zärtlich zu Kokain sagen.

Was als Weltrevolution begann, endete abrupt mit der Gründung von Familien. Das war vor 28 Jahren. Jetzt schrammeln sie wieder, geben den Millionär als Systemkritiker. Das Doppelalbum „Long Road Out Of Eden“ setzt die Beschäftigung mit jenen Themen fort, die ihnen immer noch unter den Nägeln brennen. Die Vertreibung aus dem Paradies, die Wiederholung der Geschichte als Farce und die Anmut tanzender Frauen.

Diese gab es beim einzigen Europa-Konzert im Londoner Indigo 2 zuhauf. Denn Frauen mögen Desperados, weil diese ihre Existenz in die Waagschale werfen. Für gewöhnlich. Die Eagles sind allerdings anders. Sie lullen lieber breitflächig ein. Mit J.D. Southers „How Long“, der ersten Single, eröffneten sie verzückt summend den Abend. Danach markierte „Busy Being Fabulous“ die Marschrichtung, in die der Karren gezerrt werden hätte müssen. Eine zwingende Melodie und der beißende Humor dieses neuen Titels begeisterten zu Recht. Don Henleys Stimme, mit feinstem Belag, wie ihn auch der Earl von Sandwich nicht besser präparieren hätte können, geht immer noch unter die Haut.

Wunderbar auch „Guilty Of The Crime“, das der kauzige Joe Walsh berührend interpretierte. Der Komponist dieses Kleinods, der legendäre Sänger Frankie Miller, der nach einem Gehirnschlag nicht mehr singen kann, saß im Publikum.

Dann war leider Schluss mit neu. Henley gab trommelnd den Rezeptionisten des „Hotel California“, der in alte Zimmerfluchten lockte. Dort waren die Tapetenmuster zuweilen arg abgeschabt. In frischen Farben leuchteten indes die Szenarien von „Lyin' Eyes“, „Boys Of Summer“ und „Life's Been Good“, wo Joe Walsh als Komödiant brillierte. In der Folge sedierte zu viel „Peaceful Easy Feeling“. Nur alter Schaum, statt neuer, starker Stücken wie „It's Your World Now“, „Business As Usual“ und „Long Road Out Of Eden“. Am neuen Opus wird heftig gegen den Irak-Feldzug angegangen, wird die Zerstörung der Erde durch die Menschen antizipiert. Die Bäume sind tot, die Soldaten sind tot, die Plattenfirmen korrupt und sogar der „Journalism's dead and gone“ – so Henley in „Frail Grasp On The Big Picture“.


Verkauft an US-Greißler Wal-Mart

Wie also das Comeback vermarkten? Nach reiflicher Überlegung verkauften die Veteranen ihr neues Werk an die US-Greißler-Kette Wal-Mart. Treuherzig versprach diese, ab nun, weil es die Eagles so wünschen, weniger Verpackungsmaterial zu verwenden. Henley: „Some People have signed with Starbucks, some people have gone to Apple, some people have gone to the indies, some people have gone to Best Buy. People are trying. It's Wild West all over again. There is a new frontier out there.“ Dennoch gilt es Ruhe zu bewahren. Oder wie Glen Frey am Ende des bejubelten Konzerts meinte: „One of the rules of Rock is to plug in“, sprach's, stöpselte seine Gitarre ein und flötete: „Take It Easy“. Ja, was bleibt denn anderes über?

ZUR BAND

Seit 1971 existieren die Eagles, gegründet von Glenn Frey, Don Henley, Bernie Leadon, Randy Meisner. Joe Walsh und Timothy B. Schmit ersetzten später die beiden Letzteren.

Keine zehn Jahre nach der Gründung löste die Band sich auf, traf sich nur zu Reunions.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.11.2007)

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