
Leckfettn! – dieser genuin österreichische Ausdruck für den Zustand ausgreifender Verwunderung mochte anfangs noch den zahllosen offenen Mündern entwichen sein. Nach einem süßlichen aus Geige und Klavier gehäkelten Intro, tänzelte der dürre Schausteller des Antichristen zu selig knatternden Geisterbahngeräuschen vor aller Augen. War er fußwund? Litt er an starken Darmwinden?
Nein, unser bleicher Freund versuchte bloß eine Lebenskrise abzuschütteln. Stets will er das Extreme zeigen, weil angeblich nur dieses extreme Reaktionen auszulösen vermag. Furchterregend heiser hustete er seinen ersten, beinah romantischen Song „If I Was Your Vampire“ ins Messer-Mikrofon: „So soft and so tragic as a slaughterhouse you press the knife against your heart and say: I love you so much, you must kill me now...“
Der im echten Leben frisch geschiedene Brian Warner, der sein Alter ego Marilyn Manson seit 1989 über die Bühnen dieser Welt spazieren führt, hat schon gefinkelter mit Theaterblut gespritzt als in seiner aktuellen Show. Gut, mit „Disposable Teens“ und „mObscene“ begann die Pop-Perchtenschau recht dynamisch. Schwere Riffs rüttelten an Trommelfell und Schädelnaht, Becher flogen, Mädchenfäuste mit Stacheldrahtreifen stocherten in die Dunkelheit.
Hymne des Hasses
Doch recht bald rieselte Sand ins Getriebe. „Let's just kill everyone and let our God sort them out. Fuck it. Everybody's somebody's nigger, I know you are, so am I. I wasn't born with enough middle fingers.“ Zu diesen martialischen Zeilen der „Hate Anthem“ mochten Angstlust-Profis noch schmunzeln. Damit war's vorbei, als die Regie die moralische Keule schwang und Kommentare über ein Schulmassaker in Cleveland über die Leinwand flimmern ließ. Die wenigsten Fans wollten sich in ihrer lustvollen Regression stören lassen. Schon gar nicht von banaler Kritik an realen gesellschaftlichen Gewalt-Zusammenhängen.
Wütend stampften da zahlreiche DocMartens-Stiefel, auch jene mit den freundlichen rosa Schuhbändern, Richtung Erdmittelpunkt. Die Illusion, wenigstens für eineinhalb Stunden straffrei menschliches Monster sein zu dürfen, ging da jäh kaputt. Der Applaus blieb fortan gedämpft.
Ja, die Koberer des Schreckens haben es in den letzten Jahren mit ihrer Ware immer schwerer. Der ganze Krach und das viele Blut, das Tändeln mit seltenen Sexpraktiken und die Koketterie mit der Häresie, das sind alle kleine Geschütze im Gewimmel der neuen Regenten der Angst. Heutzutage schaudert es die Jugend eher vor Begriffen wie Daseinsvorsorge, Arbeitslosigkeit und Flexibilisierung als vor den Bibelschändungen der geräuscherzeugenden Schwermetallindustrie. Vielleicht möchte der ehemalige Musikjournalist Manson ja, dass das internationale Feuilleton den großen Nietzsche bemüht, um einen rüden Song wie „Antichrist-Superstar“ in seiner vollen Semantik zu erforschen. Aber das wäre bloß lächerlich. Mansons Spiel mit geheiligten wie belasteten Symbolen ist schlicht zu plump für ernste Analyse. Wenn der 38-Jährige als Highlight seiner Show eine Bibelverbrennung ankündigt, dann ist das ein Autodafé der singulären Art.
Manson fackelte das Heilige Buch in seiner Inszenierung nicht ab, nein, die geschundene Bibel entflammte von selbst. Nicht nur deshalb kann er dessen sicher sein, dass solch Treiben ungeahndet bleibt. Anders als andere Religionsgemeinschaften beschäftigt die Christenheit bekanntlich derzeit keine schnelle Eingreiftruppe, die derlei Spuk ein jähes Ende bereiten würde. Der ungewöhnlich schwache Applaus war wohl Strafe genug. Und so umwehte gegen Ende ein leiser Hauch von Bela-Lugosi-Tragik das Haupt des düsteren Gesellen.
Gelungenes gab es dennoch. Das ruppige „Rock Is Dead“ fand durch seine Singalong-Qualitäten ungeteilte Zustimmung im Auditorium und von den neuen Songs begeisterte der Gothik-Dancefloorfiller „Heart-Shaped Glasses“. Den meisten Applaus bekam indes das alberne Eurythmics-Cover „Sweet Dreams“, wo sich zeigte, dass die Marilyn-Manson-Fans wohl weniger nah am schwarzen Wasser denn an den Gestaden des Mainstream-Pop gebaut sind.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.11.2007)



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