Kaum zu glauben, kaum zu hören: Es gibt ein Rappen jenseits des dumpfen deutschen Gangsta-Krams, der im Gefolge von Sido die Charts dominiert. Deutscher Sprechgesang, das hieß einmal: Wortwitz und schlaue Reime. Die große Zeit der „Gutrapper“ ist vorbei, aber Veteranen wie Fettes Brot und Die Fantastischen Vier tragen die Fackel weiter.
Mit einer Fackel begann es auch: „Torch“ von Advanced Chemistry machte Ende der 80er gerapptes Deutsch salonfähig, befreite die Szene von den Fesseln ihres amerikanischen Über-Ichs. Damals war alles noch sehr engagiert, politisch explizit, musikalisch rau. Deutscher Hiphop wäre ein Randphänomen geblieben, hätten nicht Die Fantastischen Vier den Ernst des Lebens über Bord geworfen: Ihr geistreicher Nonsens ebnete den Weg aus dem Untergrund.
Mitte der 90er kam dann die große Zeit: Alte und neue Schule rappten friedlich nebeneinander her, der Erfolg der Spaßfraktion verschaffte auch Ernsthaftem von Freundeskreis und den Massiven Tönen breites Gehör. Blumentopf aus München gelang es, Humor und Reflexion zu verbinden. Wie eine unschuldige Gymnasiastenparty: sprachgewandt und Germanisten-tauglich. Freundeskreis verarbeiteten in „Anna“ sogar geschickt ein Gedicht von Kurt Schwitters.
Langsam schlich sich leiser Hochmut ein gegen die „prolligen“ Kollegen aus den USA mit ihren gezückten Waffen und wackelnden Frauenpopos. Die Epizentren der Szene, Hamburg und Stuttgart, waren reiche, selbstzufriedene Städte. Das konnte nicht lange gutgehen. Die Kreativität verblasste, der Spaß wurde schal. Bis Anfang des neuen Jahrtausends der dunkle Berliner Untergrund das schnelle Wort ergriff: Kleinkriminelle, oft auch Migranten, ungebildet, ungehobelt, unkorrekt. Sie kannten Chancenlosigkeit, Drogen und Rassismus nicht nur aus Soziologie-Lehrbüchern.
Die Gangsta-Rapper verdrängten die braven Buben. Gewaltverherrlichung, Frauen- und Schwulenhass waren Kollateralschäden des triumphierenden Zeitgeistes. Nur Fettes Brot singen weiter erfolgreich gegen Sido, Bushido und Co. an: mit Ohrwürmern wie „Schwule Mädchen“ oder „Bettina, zieh dir bitte etwas an“. Jetzt, wo Gangsta-Rap seine Dekadenzphase erlebt, keimt auch Hoffnung auf: Vielleicht werden aus badischen Freundeskreisen und bayerischen Blumentöpfen bald wieder neue Blüten treiben. gau
("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.05.2008)

"Kahlschlag in der privaten Medienlandschaft"
Linz 2009: Hitler im Pöstlingberg


Koalition: SPÖ und ÖVP setzen zum Endspurt an
Obamas Konjunkturprogramm: 2,5 Millionen neue Arbeitsplätze
RSS