Tricky: "Obama ist ein falsches Idol"

Im Juli hat er das Publikum in Wiesen verstört, nun hat Tricky, der Querkopf des Trip-Hop, ein neues Album. Die „Presse am Sonntag“ traf ihn in einem Berliner Gastgarten.

FRANCE TRICKY IN CONCERT
Schließen
FRANCE TRICKY IN CONCERT
Tricky (Archivbild) – EPA

Im Juli haben Sie das Publikum im burgenländischen Wiesen mit einer recht seltsamen Performance verwirrt, Sie sind immer wieder von der Bühne gegangen, haben fast eine Stunde lang nur ein Thema gesungen. Was war da los?

Tricky: Ich lehne es ab, den Entertainer zu spielen! Die Leute müssen schon mit mir auf die Reise gehen wollen. Bei großen Festivals ist das leider oft nicht der Fall. Wenn ich dem Publikum meine Seele offenbare, dann will ich dafür etwas zurück. Kommt nichts, kann ich seltsam werden...

 

Sie haben Ihr Plattenlabel „False Idols“ genannt. Wieso?

Weil es heutzutage so viele davon gibt: Rapper wie Kanye West und Jay-Z, Footballspieler und selbst Barack Obama sind falsche Idole. Die Politiker machen ihre Geschäfte hinter der Fassade einer ausgeklügelten Brot-und-Spiele-Gegenwelt. Diesbezüglich ist es heute im Westen wie im alten Rom oder im Ägypten der Pharaonen.

 

Was halten Sie vom aktuellen Hip-Hop?

Wenig. Der amerikanische Hip-Hop ist auf negative Messages fixiert. Es gibt Plattenlabels, die an den Gefängnissen beteiligt sind, die ja in den USA privatisiert sind. Das ist so böse wie genial. Die Rapper verherrlichen das Gangstertum, das verleitet labile Jugendliche zu Straftaten, für die sie bald im Gefängnis sitzen. Die Labels verdienen also am Verbreiten der Message und später an den Gefängnisaufenthalten der Möchtegern-Gangster.

 

Wer sind für Sie die bösesten Rapper?

Nicht selten die mit dem freundlichen Gesicht. So nett Jay-Z im privaten Umgang ist, seine Inhalte sind übel. Er rappt gerne über Drogenverkauf, obwohl er es selbst nie in seinem Leben getan hat. Ich stamme aus einer Familie, die einige Langzeitkriminelle hervorgebracht hat. Die haben das Milieu nie verherrlicht! „Stay out of trouble“, sagten sie stets. Ein echter Gangster rät jungen Leuten niemals zum Verbrechen. Jay-Z tut aber genau das.

 

Vor einigen Jahren habe ich 50 Cent gefragt, wo denn der politische Flügel des Hip-Hop geblieben sei. Er meinte, es gäbe keinen Bedarf mehr an politischem Rap. Ist das wirklich so?

Es sieht ganz danach aus. Die Plattenfirmen sind nicht daran interessiert, wenn junge Leute über Verbesserungen in unserer Gesellschaft nachdenken. Das ist nicht verkaufsträchtig. Es brachte 50 Cent wahnsinnig viel Publicity, als er angeschossen wurde. Wäre ich Chef eines Gangster-Rap-Labels, dann hätte ich nicht den verwundeten 50 Cent, sondern den Schützen unter Vertrag genommen. Das wäre nur konsequent.

 

Eines der schönsten Lieder Ihres neuen Albums nennt sich „Palestine Girl“. Wie beurteilen Sie die Lage in Nahost?

Was Israel betreibt, das ist Staatsterror, vergleichbar mit der Apartheid in Südafrika. Lebt ein Liebespaar in Gaza, dann drehen sich seine Sorgen nicht um einen etwaigen Seitensprung. Dort muss man sich leider fragen, ob der oder die Geliebte ein paar Tage später überhaupt noch lebt. In Gaza kann keine Liebe gedeihen.

 

Sie meinen, dass Künstler sich zum Nahost-Konflikt äußern sollten? Wenn ja, dann wie?

Wenn man in den USA als Künstler sagen würde, dass Israel ein Terrorstaat ist, würde man sich massive Probleme einhandeln. Man hat es bei 2Pac gesehen, der abseits seiner Gangster-Raps viel Politisches angesprochen hat. Ihm hat man einen Vergewaltigungsprozess angehängt. Er sollte zum Schweigen gebracht werden. Aber Musiker haben Verantwortung! Sie sollen ihre Stimme gefälligst in den Dienst der Veränderung stellen!

 

Das haben in den Siebzigerjahren etwa Curtis Mayfield oder Gil Scott-Heron getan. Das hat aber nicht viel gebracht, oder?

Ich bin mit den Songs der Specials aufgewachsen. Die haben der damaligen Regierungschefin Margaret Thatcher ziemlich eingeheizt. In meiner Jugend waren auch Public Enemy groß: Die hatten auch keine Hemmungen, ihr Unbehagen auszudrücken...

 

Die sind aber dann ziemlich abgestürzt, waren plötzlich weg von der Bühne.

Sie wurden zerstört! Wenn eine politische Hip-Hop-Formation in den Ghettos Erfolg hat, ist das für die Mächtigen okay. Aber wehe, sie strahlt in den Mainstream aus. In „Terminator“, einem großen Blockbuster, trug eines der Kids ein Public-Enemy-T-Shirt. Das war das Ende der Gruppe. Sie wurde von der Regierung zerstört.

 

Sie leben derzeit wieder in London. Wo?

In King's Cross. Eine ziemlich verrückte Gegend. Obwohl es dort ziemlich teuer ist, laufen jede Menge Crackheads und Winos herum. Ich kenne dort Alkoholiker, Drogendealer und ganz normale Leute. Diese krude Mischung an Menschen hält einen wach.

 

Wie sehen Sie im Allgemeinen die soziale Lage in Großbritannien?

Die Mittelklasse ist am Zerbröseln. Der Graben zwischen Reich und Arm wird immer breiter. Es hat sich ziemlich viel verschlechtert, seit ich jung war. Das britische Klassensystem trägt mittlerweile faschistoide Züge. Die Leute werden kontrolliert, viele, die arbeiten, verdienen weniger als das Existenzminimum. Es ist schlimm.

 

Ihre aktuelle Single heißt „Nicotine Love“. Geht's um Ihre Leidenschaft fürs Rauchen?

Nein, obwohl es Leute gibt, die glauben, ich wäre permanent eingeraucht. Es geht um Liebe. Mir ist bewusst, dass das Zigarettenrauchen eine schlechte Angewohnheit von mir ist. Die Botschaft ist: Ich bringe Liebe, allen Rauchwolken zum Trotz.

 

Auf Ihrem neuen Album hört man wieder eine Menge recht obskurer Vokalisten. Wo finden Sie die eigentlich?

Vieles passiert zufällig, auf manches weist mich meine 19-jährige Tochter hin. Der Rapper Mykki Blanco trat einmal in Berlin in meinem Vorprogramm auf. Er ist homosexuell und tritt stets als Frau auf. Er ist von großer Statur und trägt meist Minirock. Und er rappt härter als jeder Hetero-Gangster-Rapper. Mit Liedern wie „Wavvy“ führte er sämtliche Stereotype des Hip-Hop ad absurdum. Leute wie ihn braucht der heutige Hip-Hop.

 

Sie arbeiten viel mit Frauen. Glauben Sie, dass es bleibende Harmonie zwischen Mann und Frau geben kann?

Eher nicht. Im Studio und auf der Bühne herrscht totale Harmonie. Privat sieht die Sache leider anders aus. Persönlich hab ich noch nie so wirklich großartige Beziehungen zu Frauen gehabt. Es klappt nur in der Musik. Dafür bin ich aber sehr dankbar.

Steckbrief

1968
Geboren als Adrian Thaws in Bristol im Ghetto Knowle West. Seinen Vater lernte er nie kennen, seine Mutter beging Suizid, als er vier Jahre alt war. Als Musiker trat er zunächst zu Beginn der Neunzigerjahre als Gast der Trip-Hop-Band Massive Attack in Erscheinung.

1995
Trickys nach seiner Mutter benanntes Debütalbum „Maxinquaye“ machte ihn zum Star. Es gilt heute als Klassiker des Genres Trip-Hop. Diesen Begriff hat Tricky immer abgelehnt.

1997
Tricky spielte den „Right Arm“ in Luc Bessons Film „Das fünfte Element“; sieben Jahre später spielte er in Oliver Assayas' Film „Clean“ sich selbst.

2013
Tricky gründete sein Label „False Idols“. Sein vorzügliches erstes Album darauf hieß ebenfalls so.

2014
Am 5.September erscheint „Adrian Thaws“, sein elftes Album. Unter den Mitwirkenden sind die Sängerinnen Francesca Belmonte und Tirzah sowie der schwule Rapper Mykki Blanco. Trickys 19-jährige Tochter singt den Schlusstrack unter dem Pseudonym Silver Tongue.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.08.2014)

Kommentar zu Artikel:

Tricky: "Obama ist ein falsches Idol"

Schließen

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen