Manga: Der Angriff der Kulleraugen

Mit schrägen Bildgeschichten durchbricht Japan die US-Hegemonie in der Popkultur. Eine Schau in Wien.

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(c) Reuters (DAVID MERCADO)

Son-Goku ist ein Kampfsport-Gnom, der sich beim Anblick des Mondes in ein Affenmonster verwandelt. Mit dem Mädchen Bulma (deutsch: Schlüpfer) sucht er nach magischen Kristallkugeln. Dabei konkurrieren sie mit dem bösen Prinzen Pilaw und dem Wüstenbanditen Yamchu, der seine Angst vor Frauen bekämpfen will. Son-Goku hingegen verlobt sich schon als Zwölfjähriger mit der Tochter des Rinderteufels, Chichi, zu Deutsch: Brüste. Alles klar?

Wahrscheinlich nicht. Aber auch Feuilleton-Leser sollten über das wirre Manga-Epos „Dragonball“ nicht die Nase rümpfen. Denn vor zehn Jahren stand es am Anfang einer Kulturrevolution, die Japan ins Blickfeld von Millionen westlicher Jugendlicher rückte. Mangas, die japanische Version der Comics, bahnten den Weg, Zeichentrickfilme (Animes), Videospiele, Nippon-Rock und die ihn begleitende Mode schlossen sich im Triumphzug an. Das erste Mal in der Geschichte der Popkultur liegt die Quelle eines alle Lebensbereiche umspannenden Trends nicht in Amerika.

Anfang der Neunziger wurden die ersten Manga-Taschenbücher ins Deutsche übersetzt und verkauften sich nur schleppend. Bis „Dragonball“-Autor Akira Toriyama seinen deutschen Verlag dazu brachte, die japanische Leserichtung zu übernehmen: von hinten nach vorne, von rechts nach links. Damit war der Bann gebrochen. Eine ganze Generation von Halbwüchsigen fand ein Medium, das sie in eine andere Richtung lesen, denken und leben ließ, als es ihnen ihre Eltern vorgaben. Die von hinten aufgerollte Welt bot neue Mythen und unverbrauchte Projektionsflächen für pubertäre Sehnsüchte und Ängste.


Vom Kino inspiriert, und retour

In den Jugendzimmern machten sich stilisierte Kinderwesen mit traurigen Kulleraugen breit. Der Schöpfer des Manga-Stils war Osamu Tezuka. Als er 1989 starb, erhielt er mehr Nachrufe als Kaiser Hirohito. Auch die von der Kinoästhetik inspirierten steilen Perspektiven und die dynamische Aufteilung der Bilder-Paneele stammen aus seiner Ära. Heute lassen sich umgekehrt Kinomacher von Comics inspirieren: Quentin Tarantino drehte ganze Szenen von „Kill Bill“ im Manga-Stil.

Die wichtigste Innovation Tezukas aber war die Differenzierung seiner Geschichten nach Zielgruppen. Sie führte dazu, dass heute Japaner jeden Alters Mangas lesen. Die Themen reichen von Endlosromanzen à la Telenovela über Samurai-Epen, Krimis und Pornos bis zu den Heldentaten von Firmenchefs. Neben eskapistischen Traumwelten hat auch der ungeschönt graue Alltag seinen Platz. Selbst Börsenberichte und Lehrbücher über Netzwerk-Topologie präsentieren sich in Comic-Form.

„Niemand klagt deshalb über den Niedergang der Zivilisation“, erklärt Japanologin Joanna Potanski, „weil die Bildkultur in Japan einen ganz anderen Stellenwert hat als bei uns“. Schon im Mittelalter zeichneten buddhistische Mönche Bildergeschichten auf Papierrollen. Im 18.Jahrhundert fanden Holzschnitte mit oft recht freizügigen Szenen große Verbreitung, irgendwann nannte man sie dann Mangas, auf Deutsch: zwangloses, skizzenhaftes Bild, der Form wie dem Inhalt nach.

Heute sind Mangas Massenware, hinter denen ein gigantischer Produktionsapparat steht. Die Papierqualität der Wochenmagazine ist schlechter als bei Telefonbüchern, dafür sind sie ebenso dick: An die 600 Seiten hat ein Band. Pro Jahr werden zwei Milliarden Magazine und Taschenbücher umgesetzt. 40 Prozent aller japanischen Druckerzeugnisse entfallen auf Mangas. Allein die 42 Bände von „Dragonball“ (mit dem eingangs skizzierten Plot fängt alles erst an) verkauften sich weltweit 250 Millionen Mal.

Um die Gier nach Lesestoff zu stillen, arbeiten die Zeichner unter großem Zeitdruck. Die Meister halten sich Werkstätten wie Renaissance-Maler. Sie skizzieren die Szenen und überlassen ihren Schüler den Hintergrund und die Nebenfiguren. Für hochwertige Sammelbände arbeiten sie oft nach, was das Massenprodukt zuweilen auf die Höhe des Kunstwerks hebt.


„Jeder ein Künstler!“

Doch der echte Manga-Fan gibt sich nicht mit passivem Konsum zufrieden. Auf der Branchenmesse „Comic Market“ in Tokyo stellen jedes Jahr 38.000 Amateure Werke im Eigendruck vor. „Jeder ein Künstler“ – diese Parole aus Punkrock-Zeiten wurde nirgends so konsequent umgesetzt wie unter Manga-Zeichnern. Auch in Österreich: Auf 400 „Mangakas“ schätzt Thomas Mozgan die vor allem im Internet aktive und sehr junge Community. 24 der besten Zeichner präsentiert er in einer Ausstellung im Japanischen Kulturzentrum in Wien. Sein Ziel ist, Mangakas aus dem Online-Umfeld zu holen und sie zum Druck ihrer Werke zu animieren.

Die Fans sorgen auch dafür, dass bei Übersetzungen der Charme japanischer Alltagskultur erhalten bleibt. So weiß heute fast jedes Kind, dass man dort bei Krankenbesuchen Obst und am Valentinstag Schokolade schenkt. Nur Hajime Senoo, Direktor des Kulturzentrums, weiß nicht, wie ihm geschieht: Noch nie haben sich so viele junge Österreicher für Japan begeistert. Es werden jeden Tag mehr. Mangas mag man eben.

Ausstellung: bis 3.6., Japan. Informations- und Kulturzentrum, Wien 1, Schottenring 8. Manga-Workshops: 5., 6.Juni, 14.30–16.30h.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.06.2008)

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