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Leonard Cohen live in Wien: Dieser Mann lügt und gesteht es

25.09.2008 | 16:41 |  Von Samir H. Köck (Die Presse)

Leonard Cohen bei zwei ausverkauften Abenden im Wiener Konzerthaus. Songs, die die Liebe loben. Manchmal groß, mitunter zu gleichförmig.

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Was würde unsereiner dafür geben, wenn im wirklichen Leben in den richtigen Momenten ein Mädchenchor einsetzen würde. Wenn sich ein Hemdknopf von der Leibesmitte emanzipiert, der Plastikchip im Einkaufswagerl einrastet oder die Fahrradkette reißt. Leonard Cohen hat es da gut. Er arrangiert sich das. Wenigstens auf der Bühne. Mögen auch sonst in seinem Kopf zürnende Erynnien toben oder freundliche Quellnymphen säuseln, im Konzert ist er es, der die weiblichen Stimmen unter Kontrolle hat.

0Dieser privilegierten Stellung ist er sich bewusst. So quittierte er zum Ausklang seines mächtigen „Tower Of Song“ in Wien das beseelt vorgetragene „doo-dum-dum“ seiner drei Sängerinnen lapidar: „I don't stop you!“ Also zwitscherten die Damen emsig weiter, während Cohen murmelte, er habe die Lösung des Welträtsels, den Schlüssel aller unserer Leiden gefunden. Mehr noch, er wolle dieses Wissen mit uns teilen. Pupillen vergrößerten sich, Nasenflügel bebten, Ohren glühten: Andacht wie in der nächtlichen Nonnenmesse im Pariser Sacre Cœur. Dann verriet der Meister: „It's doo-dum-dum.“

Hinter dem vordergründig Humoresken solch einer Äußerung lauert Cohens Lebenswahrheit. Kaum ein anderer Künstler hing mit derartiger Obsession an den Kittelfalten, tändelte zwischen Demut und Hybris dem anderen Geschlecht gegenüber. Zuweilen formulierte er aus, was ihn antrieb. Wie 1976 im deutschen „Sounds“: „Die Frau beherrscht den Mann, seit die Menschheit existiert. Sie ist Verführerin – sie ist die Herrscherin, der Impuls, die Antriebskraft. An die Subtilität und Diplomatie, mit der sie ihre Diktatur ausführt, sind wir Männer nie auch nur annähernd herangekommen.“

Bezeichnenderweise war der magischste Moment des Abends jener, als seine im Chor singende Songwriting-Partnerin Sharon Robinson anhob, die Pracht ihres Songs „Boogie Street“ zu entfalten. Umspielt von delikaten Saxofonklängen, gab Cohen den Ornament spendenden Backgroundsänger. Auch das eine Rolle, die ihm steht: „It is in love that we are made; in love we disappear . . .“

Doch noch ist es nicht soweit. Cohen wird wohl nicht mehr auf Tournee gehen, aber als 74-Jähriger im Doppelreiher federt er eleganter als viele junge Kollegen. Schließlich braucht es sehr viel Agilität, um das Wehe zu verkörpern. Sein Konzert begann er mit dem sentimentalen „Dance Me To The End of Love“. Das Pathos des Romantischen begann träge zu fließen: „Lift me like an olive branch and be my homeward dove.“ Bereits hier deutete sich an, dass die Mandoline an diesem Abend exzessiven Gebrauch finden sollte, wie überhaupt die Arrangements (Roscoe Beck) für einen Mann mit der Aura eines Renegaten erstaunlich bieder waren. Erster Höhepunkt war das flotte „The Future“ mit seinem fröhlichen Kulturpessimismus. „I've seen the future, brother: It is murder.“ Dazu miaute die E-Gitarre, ereiferten sich die Sängerinnen in olympiareifem Synchronsäuseln. Der nur 1,65 Meter große Cohen tänzelte, lüftete den Hut, verbeugte sich geziert. Danach wurde es bekenntnishaft. Ein flamboyantes Saxofon leitete zu „Ain't No Cure for Love“. Auch darin wieder ein mysteriöses, süßes Flüstern in der Seele eines unglücklich Verliebten. Es folgten ein tempomäßig auffrisiertes „Bird On The Wire“, das erstaunlich gut groovende „Everybody Knows“, die gefährlich einfahrende Schnulze „In My Secret Life“. Darin die Herzensergießungen eines Heuchlers: „I smile, when I'm angry, I cheat and I lie, I do what I have to do to get by.“

Ein spezieller Moment war es auch, als Cohen zu „Take This Waltz“ anhob. „There is a concert hall in Vienna, where your mouth had a thousand reviews. There's a bar where the boys have stopped talking. They've been sentenced to death by the blues“. Das Publikum zeigte sich ergriffen, im Modus ungehemmter Heiligenverehrung, schwindelte sich über Passagen, in denen sonst Langeweile aufkommen würde. Zu gleichförmig war die musikalische Aufbereitung, zu wenig Risiken wurden eingegangen. Über weite Strecken regierte prätentiöser Schönklang.

Glanzlicht: „Tower of Song“

Auf Dauer klang auch Cohens Stimme zu eindimensional. Während ein Bob Dylan, ein Van Morrison ihre Songs lustvoll dekonstruieren, interpretiert Cohen sein Material seit 40 Jahren nach der gleichen Façon. So kam Sehnsucht auf nach den markanten Stimmen eines John Cale, einer Madeleine Peyroux, eines Nick Cave – allesamt makellose Cohen-Interpreten. Is it the singer or the song? Zuweilen litt man auch an mediokren Songs. Wie etwa dem läppischen „Democracy“ oder dem unsäglich kindlichen „Closing Time“. Weit außerhalb des biederen Schemas geriet „Tower Of Song“ zum Glanzlicht. Da spielte Cohen ein billig tönendes Keyboard mit Rhythmusmaschine und räsonierte: „Well my friends are gone and my hair is grey, I ache in places where I used to play, and I'm crazy for love but I'm not coming on“.

Die Welt wollte er nie verändern, er wollte sie nur berühren, sagte er einmal. Mit Songs wie „Who By Fire“ und „Sisters of Mercy“ glückte dies auch an diesem Abend in nobler Wehmut.

("Die Presse" Printausgabe vom 26. September 2008)

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