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„Ostern ist eine Orgie“

05.12.2008 | 18:42 |  SAMIR H. KÖCK (Die Presse)

Nach dem sensationellen Erfolg ihrer CD „Chant“ präsentieren die Zisterziensermönche ein Adventalbum. Pater Karl Wallner über seine Mission.

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Die Presse: Pater Karl, Sie nennen in Interviews immer wieder die Namen aktueller Popstars. Hören Sie denn auch Popmusik?

Pater Karl: Mit Selbstdisziplin habe ich mich via Internet mit Aktuellem, etwa Amy Winehouse und Coldplay, vertraut gemacht. Ich war ja immer erstaunt über meine jungen Mitbrüder, die bei Medienterminen zeigten, wie gut sie sich auskennen. Ich selbst bin kein Mensch, der vom Gehör her lebt. Ich leide darunter, wenn eine Kerze schief steht am Altar – unser Kantor bekommt Schweißausbrüche, wenn einer zu tief singt...

 

Wie erklären Sie sich denn die steigende Nachfrage nach Gregorianischen Chorälen?

Pater Karl: Ich glaube, die Menschen suchen heute etwas Antidepressives, Antiaggressives. Das bietet der Gregorianische Choral – ohne langweilig zu sein, mit einer Melodie, ohne Polyfonie. Deshalb fährt auch die Jugendkultur darauf ab. Und weil unsere Musik von Menschen gesungen wird, die einen Sinn im Leben haben. Wir sind glückliche Menschen, weil wir uns in den lieben Gott verliebt haben, und diese Gesänge sind unsere Liebesgesänge an den unsichtbaren großen Gott. Das hört man auch irgendwie raus, wenn man kein Latein versteht.

 

Besteht nicht die Gefahr, dass Ihre CD zum Lifestyle-Accessoire für Gestresste verkommt?

Pater Karl: Na, ist Lifestyle denn so ganz schlecht? Wir haben auch einen Lebensstil! Und der liebe Gott ist ein Gott aller Menschen, seine Musik ist eine Musik für alle Menschen. Wir schauen nicht, ob das ein Mensch hört, der tiefgläubig ist, oder einer, der gar nichts wissen will von Kirche. Wenn er diese Musik schön findet, von mir aus im gestylten Ambiente eines Penthouse, dann hoffen wir, dass ihm diese Musik zumindest sagt: Überdenke mal dein Leben! Suche den letzten Sinn! Mir hat ein junger Türke erzählt, dass er seit 20 Jahren mit dem Auto durch Wien fährt und sich denkt: „Diese Wiener fahren so schlecht Auto, ich brauche diese Musik, damit ich nicht durchdrehe!“ Auch das soll uns recht sein.

 

Flüchten in der Wirtschaftskrise vermehrt Menschen aus der Finanzbranche zu Ihnen?

Pater Karl: Die Manager sind ja heute ein bisschen überbewertet. Sie haben die Stellung eingenommen, die früher die Magier und Druiden hatten: Geheimnisvolle Wesen, die mit den Mysterien der Finanzmärkte hier umgehen und über unser aller Weh und Heil entscheiden. Es kommen ganze Vorstände von irgendwelchen Megakonzernen zu uns, klar. Das geben wir aber nicht in die Öffentlichkeit, weil die ja gerade deshalb kommen, weil sie Stille suchen.

 

Was ist für Sie der Wert der Stille?

Pater Karl: Man muss aufpassen, dass man ein christliches Kloster nicht verwechselt mit einem Kloster östlicher Prägung. Die Stille ist für uns kein Wert an sich. Sie ist für uns ein Instrument, um hörend zu werden, auf den Gott, von dem wir glauben, dass er schon gesprochen hat und weiter spricht. Es geht nicht darum zu verlöschen – Nirwana heißt ja Verlöschen –, sondern darum, das eigene Ich aus einer anderen Quelle aufgefüllt zu bekommen, und dazu muss man eben still sein. Das ist klar in der Benediktsregel formuliert. Stille ist nicht davon abhängig, ob es äußerlich still ist. Stille ist eine innere Haltung. Wer diese religiöse Dimension nicht sieht, dem würde ich doch empfehlen: Geh an einen schönen Strand auf den Malediven, da kannst du dich in den Strandkorb setzen und hast nur das Rauschen des Meeres. Aber wenn du diese sprechende Stille suchst, aus der Gott letztlich zu uns kommt, dann komm ruhig ins Kloster.

 

Sie bieten „Chant“ nun im Doppelpack mit neu eingespielten Adventgesängen an. Wieso?

Pater Karl: Damals im Februar, als uns die Plattenfirma Universal kontaktierte, waren gerade drei unserer älteren Mitbrüder gestorben. Wir waren alle so beeindruckt von der Schönheit des Sterbens, zugleich von der Schönheit der Liturgie, von der Freude, die diese Hoffnung auf Ewigkeit ausstrahlt. Dann hat uns die Plattenfirma gefragt: Was wollt ihr oben haben auf der CD? Wir haben gesagt: die Totenliturgie. Das ist das Fröhlichste, das wir haben. Deshalb auch der Titel „Music For Paradise“. Für Kenner ist diese Auswahl allerdings für den Advent nicht zumutbar, deshalb haben wir nun eine spezielle zweite CD aufgenommen. Sicher auch als mögliches Weihnachtsgeschenk.

 

Aber ist das weihnachtliche Schenken nicht oft sinnentleert?

Pater Karl: Wenn ich nicht ins Kloster gegangen wäre, hätte ich vermutlich den Supermarkt meines Vaters übernehmen müssen. Den führt jetzt mein kleiner Bruder. Deshalb werde ich jetzt kein Wort gegen das Einkaufen sagen! Ich finde es auch sinnvoll, dass man sich zu Weihnachten was schenkt, weil dies ja religiösen Hintergrund hat. Gott beschenkt uns, wir beschenken einander. Schlimm ist nur, wenn es zu diesem Kaufrausch kommt. Obwohl man in der Finanzkrise ja sagen muss, dass es wohl wenig Sinn hat, das Geld unter dem Kopfpolster zu horten. Es muss einfach in Umlauf gebracht werden. Man kann diese Aktien ja nicht in den Himmel mitnehmen...

 

Also legen Sie ihre Gewinne aus dem CD-Verkauf nicht in Aktien an? Was machen Sie eigentlich mit dem Gewinn?

Pater Karl: Durch die CD verdienen wir natürlich Geld, aber weniger als viele vermuten. Wir bekommen 55 Cent pro verkaufter CD. Bei 600.000 Stück ist das auch Geld, aber wir sind nicht so reich, wie wir es werden hätten können, wenn wir Konzerte gegeben hätten. Den Gewinn verwenden wir für die Priesterausbildung an unserer Hochschule. Wir haben dort Priesterstudenten aus Vietnam und Nigeria.

 

Wie ist denn Weihnachten im Kloster?

Pater Karl: Wir sind im Kloster eine Gemeinschaft von Männern, da gibt es keine Exzesse von Romantik. Es ist trotzdem sehr schön. Eine sehr gemütliche Stimmung. Das schönere, höhere Fest ist aber für uns natürlich Ostern. Zu Weihnachten feiern wir nur den Beginn unserer Erlösung, aber Ostern mit Tod und Auferstehung – das ist im Kloster wirklich eine Orgie. Da erlebe ich Gefühle, die man sonst nicht erleben kann.

Heiligenkreuzer Mönche

Das Stift wurde 1133 gegründet, es ist nach Stift Rein das weltweit zweitälteste Zisterzienserkloster.

Die CD „Chant – Music for Paradise“,erschienen im Mai 2008, war ein Welterfolg, kam etwa in die englischen Top Ten, wie aus Österreich davor nur Falco und DJ Ötzi.

Die neue CD enthält die Adventmesse „Rorate“, die Weihnachtsmesse „Puer natus est“ und das Ordinarium „Missa de Angelis“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.12.2008)

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7 Kommentare
Gast: Chr
09.12.2008 19:59
0 0

Nun, manche ...

... assoziieren damit gewiss nichts Positives, aber, in diesem Fall muss man zur Überschrift wohl sagen: "Honi soit qui mal y pense."

Gast: Beobachter
09.12.2008 12:43
0 0

Gregorianischer Choral in Athen

Vieleicht hilft das auch bei den dortigen Jungtuerken ein Durchdrehen zu verhindern?

0 0

"Ostern ist eine Orgie"

Bin ich der einzige, dem bei diesem Ausdruck ein leichtes Unbehagen ueberkommt?

Peregrin
08.12.2008 20:39
0 0

Re:

Nein, diese Metapher war wohl ein Griff ins Klo. Ich hatte beim Klick auf den Link eigentlich damit gerechnet, wieder mit einer Schweinerei vom Nitsch konfrontiert zu werden.

0 0

Re:

mehr lesen sie nicht aus diesem interview raus? ich bedauere sie.

mfg
mc

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Re: Re:

Sie brauchen mich ueberhaupt nicht zu bedauern. Wie deutlich zu lesen, beziehe ich mich ausdruecklich und -schlieszlich auf den Ausdruck "Orgie" -- der Rest des Interviews ist eine andere Sache, zu der ich mich auch nicht geaeuszert habe.

Antworten Gast: Dein Hausverstand
05.12.2008 23:14
0 0

Re:

Ja natürlich.

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