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Tina Turner in Wien: Knistern im Sauerstoff-Zelt

08.02.2009 | 18:23 |  SAMIR H. KÖCK (Die Presse)

Trotz kleinerer Peinlichkeiten begeisterte das fast 70-jährige Langzeitmädchen in der Stadthalle – und schuf neue Perspektiven für das Alter.

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Ihre Wirkung auf die Damenwelt muss ähnlich beschaffen sein wie jene von Jopie Heesters auf alte Kavaliere. Die Rockröhre – dieser Ausdruck ist nur bei Tina Turner erlaubt – arbeitet genauso wie der zittrige, holländische Schwerenöter daran, die Limits für unsere unwiederholbaren Körper zu neuen Ufern zu wuchten. „The World's Sexiest Granny“ wird sie gerne von ihren Fans genannt. Dass dies eine Impertinenz darstellt, ist der große Triumph dieser mit sinnlicher Eckigkeit und einnehmender Spannkraft über die Bühne wuselnden Talmi-Göttin. Unbeirrt nährt sie die Illusion, dass uns allen dereinst noch mit 70 der Lenz kitzeln wird. Die Voraussetzung dafür kommuniziert sie weise nicht: episches Darben und Trainieren.

Standesgemäß schwebte dieser disziplinierte Körper in der Wiener Stadthalle auf winziger Plattform maschinengottähnlich hernieder. Eilfertig umwuselt von vier Unterwäschemodels warf sich Tina Turner in beinahe polizeiwidrige Positur. Ein erstes schlüpfriges Szenario tröpfelte ins Mikro: „Steamy Windows“, eine Apotheose auf umlegbare Autositze, stammt von Tony Joe White („Rainy Nights in Georgia“), ihrem liebsten Songwriter. Mit vibrierendem Organ durchmaß sie die Lyrics. „You can wine and dine with the men all night with good intent, but there's something about the confrontation on the back road, breaks down the defense.“

Wir lernen: Die starke Frau handelt sogar im erotischen Taumel entschlossen, bewegt sich sicher in der von Menschendampf brodelnden Karosserie. Kurze Seligkeit gönnt sie sich, dann geht's wieder ab aufs verzweigte Straßennetz des notorisch schwer zu lenkenden Schicksals. In nervöser Achtzigerjahre-Ästhetik hüpfte sogleich „Typical Male“ ins Ohr. Die erotische Aggression ist nun vollends weiblich: „All I want is a little reaction, just enough to tip the scales, I'm just using my female attraction on a typical male...“ Um das zu illustrieren, legte sie erste wackere Tanzeinlagen hin.

 

Botschafterin selbstbestimmten Schicksals

Gar nicht überraschend war Tina Turners Comeback-Konzert in Wien ein Heimspiel. Dank ihrer Beharrungskraft ist sie mehr als bloß Ikone zerzauster Gemeindebauschönheiten. Sie ist vielmehr Botschafterin selbst verordneter Schicksalswende. Sie weiß es und raunte ein „There is nothing better than female support“ in den Saal. Vorbildhaft für viele ist die schwierige Scheidung von Ehemann Ike. Künstlerisch ließ sie damals den R&B zurück und erfand sich 1984 als Queen of Rock neu.

Die Orientierung zum Mainstream hin wurde rasant versilbert. Nicht zuletzt dies stellte ihre Würde wieder her. Was sie jetzt hatte, verdankte sie nur sich selbst. Das brachte viele weibliche Bewunderer, jene, die eben kein Lied von ihren heißen Konflikten oder schon abgekühlten Narben singen können.

Als erstes Highlight der Show donnert eine rasante Version ihres größten Sechzigerjahre-Hits aufs jubelnde Auditorium nieder: „River Deep Mountain High“. Turners Stimme gewann dabei an Schärfe, machte bewusst, dass aus ihr statt eines Popstars auch eine Etta James, also eine authentische, nuanciert intonierende Sängerin hätte werden können. Was für ein Song! Schon sein einstiger Urheber Phil Spector wusste, dass solcher Herzensexplosion einzig uferloser Bombast gerecht werden kann. Für die ewig gültige Originalaufnahme setzte er zig Musiker ein. Das war lange vor den Achtzigern, als die multifunktionalen Keyboards mit ihren Fake-Sounds den vermeintlichen Fortschritt vertraten.

Die Achtziger waren leider auch die Ära von Tina Turners kommerziellem Aufstieg, der Feinsinnige mit zeitlos grauenhaften Songs wie „Simply the Best“ und „We Don't Need Another Hero“ peinigte. Auch an diesem Abend. Vor allem die musicalartige Inszenierung „We Don't Need Another Hero“ weckte Instinkte des Fremdschämens.

Versöhnlich geriet die zweite Hälfte, in der Turner das Handmikro ergriff, den kleinen Finger abspreitzte und eine überraschend maskuline Version des Al-Green-Soul-Schleichers „Let's Stay Together“ entbot, ehe wieder Schenkeldrehen bei den Tänzerinnen angesagt war. Eine pfauchende Orgel leitete über zu Ann Peebles' „I Can't Stand the Rain“. Makellos, wie sich die Veteranin da in den Song verbiss. Auch der Schnörkellosigkeit der Rockmusik sollte ein Fanal gewidmet sein.

 

Keine Pause blieb ungenützt

Tina Turners Röhre verbiss sich auch in die Rolling-Stones-Klassiker „Jumpin' Jack Flash“ und „It's Only Rock'n'Roll“. Ihre kongeniale Kombattantin dabei war Stones-Background-Lady Lisa Fischer. An dieser Stelle passten auch die selbstverliebten, oft schmierig klingenden Gitarrensoli von John Miles, der 1976 als Solokünstler mit „Music“ die Charts stürmte. Turner ließ derweil, völlig aufgehend in ihrer Show, keine Pause ungenützt. Im wohl hinter der Bühne situierten Sauerstoffzelt wechselte die Diva konsequent glitzernde Beinkleider und fröhliche Ultraminis, die den Fokus unverblümt auf ihre immer noch knisternde Erotik lenkten.

Formvollendet schleuderte dieses Langzeitmädchen ihre Fußspitzen zu „Proud Mary“ von sich, tänzelte bei „Nutbush City Limits“ auf hydraulisch bewegtem Steg hoch über den Köpfen der Fans. Da fragte sich so mancher, ob denn der Spruch „So jung kumma nimma z'samm“ in ihrem Fall auch Gültigkeit hat.

Zur Person

Tina Turner spielte am Wochenende zwei Konzerte in der Wiener Stadthalle. Von ihren Fans wird sie als „The World's Sexiest Granny“ bezeichnet. 1939 in Nutbush, Tennessee, geboren, startete sie ihre Karriere in den 60er-Jahren gemeinsam mit ihrem Mann Ike Turner, von dem sie sich 1978 scheiden ließ, weil er sie u.a. schlug. Heute lebt Turner mit dem Deutschen Erwin Bach in Küsnacht bei Zürich/Schweiz sowie in Südfrankreich. Turner hat zwei Söhne.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.02.2009)

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14 Kommentare
Gast: Frank Goebel
09.02.2009 21:16
0 0

Eine ganz tolle Tina - Ein ganz schlechter Artikel

Hab ja schon viel Pressemitteilungen im Zusammenhang mit der Tuna Turner Tour 2008/2009 gelesen, doch dieser ist wahrftig der wohl schlechteste. Selbstverliebt scheint hier nur der Autor, der offenbar vor der großen Kunst einer Tina Turner keinen Respekt hat, diese nicht einmal erkannt oder gar verstanden hat.

Tina Turner wird Millionen Menschen in besonderer Erinnerung bleiben, dieser Artikel fällt außer dem Mülleimer wohl niemanden weiter auf und den Namen des Autoren wird man sich wohl gar nicht erst merken (müssen).

Sorry, das musste mal raus!

Frank Goebel
frank_goebel@web.de

Gast: Bine
09.02.2009 16:28
0 0

Tolle Tina! (2)

Ich habe glücklicherweise diese Superfrau live in Berlin erleben dürfen. Zugleich habe ich mit ihrer Tour alles in der Presse verfolgt, so einen miesen Artikel habe ich nirgendwo lesen können. Ich dachte schon warum tut sie sich solch ein Völkchen an, aber zu meiner Erleichterung gibt es noch andere Menschen bei Euch. Beruhigend das zu wissen.

citoyen
09.02.2009 12:41
0 0

Das muß man live erlebt haben!

Die "Alte" (man verzeihe mir den Ausdruck) ist eine Wucht. Tolle Bühnenpräsenz, tolle Songs, tolle Persönlichkeit. Wer das Konzert nicht gesehen hat, hat viel versäumt.

Wenn ich das mit dem peinlichen Madonna Konzert vergleiche, daß nur ein Beschiß am Publikum war...

Antworten Gast: Tom
09.02.2009 15:13
0 0

Re: Das muß man live erlebt haben!(2)

....in die Stadthalle schieben müsste.
Daher ist mir dieser Müll auch sowas von Wurscht! Diese Möchtegern-Kritiker begeben sich eben auf das Niveau diverser österr. Schundmedien und sind es eigentlich nicht wert darüber zu reden. Ich äußere mich nur deshalb dazu, da es um Tina Turner, einer wahren lebenden Legende geht - die man mit keiner irdischen Kritik totreden kann, denn ihre Fans lieben sie und ihre Tour ist weltweit ausverkauft - das ist Tatsache, auch wenn es Einigen nicht paßt!

She is simply the best - better than all the rest!

Antworten Gast: Tom
09.02.2009 15:00
0 0

Re: Das muß man live erlebt haben!(1)

Diese Kritik ärgert mich nicht mehr! Hab mich 2000 über einen Kurier-Bericht zum Tina-Konzert im Happel-Stadion sehr geärgert und dem Verfasser auch ein böses Mail geschrieben. Es war der Selbe, der Tina 4 Jahre zuvor bei der Wildest Dreams-Tour in den Himmel gelobt hat. 2000 hat er sie mit beschämender Kritik beworfen.
Was sollen diese armen Seelen den schreiben außer Negatives? Die glauben wohl, dass sie mit solchen Berichten die Wahrheit ändern können und die Meinung der meisten Konzertbesucher ins Negative schwenken können?!
Irrtum - selbst schuld, wenn die die Tina für ihre Leistung mit 70 kritisieren in ein Konzert einer alten Dame gehen! Da kann man denen nicht helfen. Die können anscheinend nicht bis 70 zählen und glauben sie sind in diesem Alter wahrscheinlich noch besser beinander :-)))))
Doch diese Leuchten sollen sich ihrer Sache nicht zu sicher sein. Möcht nicht wissen, wieviele von ihnen schon weit vorher das Zeitliche segnen und wieviele man mit Rollstuhl....

Antworten Antworten Gast: Tom
09.02.2009 15:12
0 0

Re: Re: Das muß man live erlebt haben!(2)

....in die Stadthalle schieben müsste.
Daher ist mir dieser Müll auch sowas von Wurscht! Diese Möchtegern-Kritiker begeben sich eben auf das Niveau diverser österr. Schundmedien und sind es eigentlich nicht wert darüber zu reden. Ich äußere mich nur deshalb dazu, da es um Tina Turner, einer wahren lebenden Legende geht - die man mit keiner irdischen Kritik totreden kann, denn ihre Fans lieben sie und ihre Tour ist weltweit ausverkauft - das ist Tatsache, auch wenn es Einigen nicht paßt!

She is simply the best - better than all the rest!

Gast: Josef
09.02.2009 10:43
0 0

Tina Turner-Konzert

Es ist immer wieder das gleiche, Kritiken in der Presse sind beleidigend. Allein die Aussage "das wohl hinter der Bühne situierte Sauerstoffzelt" ist ein Frechheit!: Würde mich interessieren, ob dieser Schreiber nur die Hälfte an Kontition und Ausstrahlung hat wie Tina Turner? Nur meckern und schlecht machen, und auch noch glauben die schleimige Wortwahl bringts, das kanns nicht sein. Wems nicht gefällt, der muß ja auch nicht hingehen. Wieder einer der im falschen Konzert war und die falsche Kritik geboren hat. Ich war in beiden Konzerten und ich war begeistert!
Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

Gast: bine
09.02.2009 08:57
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Tolle Tina!

Die unterschwellige Arroganz langweilt, andere Metropolen wissen diese großartige Frau aufrichtig zu würdigen.

Antworten Gast: Tom
09.02.2009 15:11
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Re: Tolle Tina!

Österreich ist und bleibt das Land der Nörgler und Kritisierer.....was nicht unbedingt gut ist, wie die Geschichte schon zeigte.

Macht euch nix draus Josef und Bine....wir wissen es besser, was Tina betrifft!


Gast: Omapop
08.02.2009 23:18
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Vom Erhabenen zum Lächerlichen

ist es nur ein kleiner Schritt!

DFAvJ
08.02.2009 22:35
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Kultur?

Eigenartig, daß Tina Turner in die Rubrik "Kultur" eingereiht wird...

Antworten Gast: Chef von dir
09.02.2009 05:59
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Re: Kultur?

eigenartig dass ihr Kommentar in der Rubrik Kommentar eingeordnet wurde ;)

Antworten Gast: Hillu
08.02.2009 23:44
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Re: Kultur?

Wo hätten Sie sie denn einsortiert? Im Gebrauchtwagenmarkt?

Antworten Antworten Gast: tirili
09.02.2009 08:42
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Re: Re: Kultur?

Ich hätte sie unter "Leben/Reise/Flugsicherheit" eingeordnet, ist sie doch die einzige deren Stimme Vögel aus dem Luftraum über einem kleineren englischen Flughafen vertreibt und so einen impact mit startenden/landenden Maschinen vermeiden hilft. Spätestens seit dem Meisterstück am Hudson-River unschätzbar wichtig.
In puncto Musikalität dürften die Verscheuchten wohl keine Konkurrenz zu fürchten haben.

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