Endzeitfeeling hat wieder einmal Saison, diesmal auch international. Das könnte österreichischen Popkünstlern wie Soap & Skin, Son of the Velvet Rat und eben Clara Luzia die nötige Aufmerksamkeit geben, auch über die engen Landesgrenzen hinaus zu reüssieren. Seit den Tagen des jungen Wolfgang Ambros räkelt sich österreichischer Pop in allen erdenklichen Schattierungen von Melancholie und Trübsal. Hierzulande weiß man, dass das richtige Leben erst nach der Resignation beginnt.
Oder, wie es Clara Humpel im Lied „Bleed“ fasst: „No more dreams to follow, this is the age of being shallow: We smoke too much, we booze like fish, we sleep all day and wait for being rich.“ Die Wonnen der Indifferenz kosten Clara Luzia aus. Geziertes Cellospiel, verspieltes Pianopluckern und bedeutungsschwere Violalinien begleiten Humpels verletzliche Stimme. Die wird noch effektvoll erhöht durch einen Chor, aus dem die Stimmen von Marilies Jagsch und Emma McGlynn funkeln, ehe Humpel seufzt: „I'm surprised that we still bleed“.
Wie kommt es, dass eine Anfangzwanzigerin in einem simplen biologischen Vorgang Erstaunenswertes entdeckt? Für die Antwort verengt Humpel ihre Augen zu Schlitzen: „Ich bin halt verwundert darüber, dass wir in dieser genormten, kontrollierten Welt überhaupt noch bluten können. Bluten ist doch so eine vitale Lebensregung. Ich weiß, das klingt ein bisserl pathetisch.“
Die Songs von „The Ground Below“ sind aber alles andere als niederschmetternd. Von schwebenden Arrangements getragen, verwandeln sich viele Stücke in Gemütsaufheller. War es bewusste künstlerische Intention, nach dem Ende aller Träume wenigstens noch um Schönheit zu ringen? „Wir wollten kein weiteres filigranes Singer/Songwriterwerk aufnehmen. Uns war nach etwas mit mehr Power.“ Die neue Freude am Energetischen zeigt sich im munteren „Queen of the Wolves“ wie auch im beatlesken „All I Wish For“. Gesanglich erfand sich Humpel eine interessante neue Methode: „Irgendwann begann ich beim Singen zu grinsen. Das hat sich offensichtlich übertragen.“
Die Musikerin, in ihrer Kindheit Janis-Joplin-Fan, später Verehrerin von Laura Veirs und Ani DiFranco, behandelt in ihren poetischen Texten vornehmlich Unsichtbares. Direkte soziale Intervention ist ihr fremd. Sie lächelt: „Also ich setz mich jetzt nicht hin und schreibe einen Song zum Thema Energiesparlampen. Das beschäftigt mich zwar, aber so was könnte ich nicht in ein Lied verwandeln. Meine Texte kommen aus dem Unbewussten, deshalb verstehe ich sie selbst erst lange nach dem Prozess des Komponierens. Wahrscheinlich hat jeder Künstler ein Grundthema. Meines habe ich noch nicht wirklich ausmachen können. Das kommt vielleicht erst nach hundert Songs ...“
Im Vorjahr gewannen Clara Luzia den „FM4 Alternative Act Award“ im Rahmen des österreichischen Musikpreises Amadeus. Wie wichtig ist solche Art von Anerkennung, die weder mit Geld noch mit erweiterter Publizität einhergeht? „Ich hab mich gefreut, weil es die FM4-Kategorie war. Die find ich akzeptabel. FM4 hat mich durch Airplay wachsen lassen. Aber der Amadeus war schon eine großkotzige Veranstaltung, eine Art Paralleluniversum. Die haben getan, als ob sie die Grammy-Verleihung durchziehen würden, und in Wirklichkeit war alles wahnsinnig provinziell.“ Und wie ist der derzeitige Hype um Anja Plaschg alias Soap & Skin auszuhalten? Humpel zeigt soziale Empathie: „Sie tut mir ein bisserl leid. Das muss ziemlich anstrengend sein. Ich verstehe aber, warum sie auf solche Resonanz stößt. Auch ich bin von ihrer Musik sehr beeindruckt. Im Vergleich dazu ist Clara Luzia recht simpler Pop.“
Clara Luzia live im Wiener WUK: 16.4.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.04.2009)
Zweiter Song Contest Vorentscheid Diese Länder holten die letzten Finaltickets
Lordi bis Engelbert Song-Contest-Trash einst und jetzt
Aus für die Trackshittaz Zehn Teilnehmer aus dem ersten Halbfinale stiegen auf
Österreich beim Song Contest Legenden und Nullnummern: Udo Jürgens, Tony Wegas und mehr


Goldene Palme Alle Wettbewerbsfilme: Michael Haneke, Ulrich Seidl und ihre 20 Konkurrenten