Things have not changed

Jetzt hat Bob Dylan seine »Never Ending Tour« endlich nach Wiesen geführt. Leider mit der seit zwei Jahren eingefrorenen Setlist.

Bob Dylan
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(c) EPA (DOMENECH CASTELLO)

Die eingeschworenen Bob-Dylan-Fans – und darunter sind mehr Mathematikerinnen, Zahnärztinnengatten und Feuilletonredakteure, als man glauben möchte – plagt seit zwei Jahren ein papierenes Gespenst: die konstante Setliste. Seit Bob Dylan sich auf seiner nie um mehr als vier Monate unterbrochenen „Never Ending Tour“ befindet, also seit 1988, waren seine Konzerte ja stets Abenteuer: Welche Songs wird er singen? Und wie? „Maggie's Farm“ als Reggae, „Blowin' in the Wind“ als Walzer, „Visions of Johanna“ im Krebsgang? Wird man sie erst nach dem ersten Refrain erkennen oder gar nicht? Man fuhr dem mehr oder minder mürrischen, kaum je ein Wort ans Publikum richtenden Sänger in die eine oder andere Stadt nach, erwartete das Unerwartete und wurde selten enttäuscht.

Aber wie es so ist mit dem Unerwarteten: Wenn man es erwartet, ist es nicht mehr unerwartet. So war es eigentlich logisch, dass Bob Dylan begann, seine Songlist einzufrieren. Auf eine sympathische Auswahl, die ganz gewiss nicht repräsentativ ist und schon gar kein Best-of, aber wer wollte das schon festlegen? Dabei sind jetzt also u.a.: das programmatisch grantige „Things Have Changed“ zu Konzertbeginn; zwei der genial konstruierten multibiografischen Songs aus dem Jahr 1975 („Tangled up in Blue“, „Simple Twist of Fate“), textlich etwas geglättet; immerhin sechs Stücke aus „Tempest“; das in vieler Hinsicht zeitlose „High Water“; zum Schluss „Blowin' in the Wind“ mit Geige, fast pflichtbewusst und sehr abgeklärt.

Dazu gekommen sind letztens Songs aus „Shadows in the Night“, dem Album, auf dem Bob Dylan diverse Standards aus dem American Songbook so liebevoll interpretiert, als hätte er sich sein Leben lang gewünscht, mit so wenigen und schlichten Wörtern auszukommen wie Frank Sinatra. Im frühsommerlichen Wiesen, als der Mond kaum halb war, sang er „Full Moon And Empty Arms“ und „Autumn Leaves“, ganz ohne die Kratzer, Narben und Risse in der Stimme, mit denen er seine eigenen Songs reichlich würzt.

Will er wieder einmal in Wahrheit ein Crooner sein? Aber warum fängt er dann jetzt auch schon in „Forgetful Heart“ – das er lange Zeit auch stimmlich sehr innig brachte – zu bellen an? Warum singt er „She Belongs to Me“, diese kunstvolle Eloge an eine Lebenskünstlerin, als sei ihm völlig egal, ob er dieser zu Weihnachten eine Trompete oder eine Trommel schenken soll?


„Scarlet Town“. Es ist, wie es ist bei Bob Dylan. Gerade weil er manche Songs so lieblos behandelt – und andere, etwa „Waiting for You“ oder „Beyond Here Lies Nothin'“, an sich eher beiläufig sind –, freut man sich umso mehr über jene, mit denen es ihm offenbar noch ziemlich ernst ist. Diesmal etwa „Workingman's Blues # 2“, diese grimmige Abrechnung im Privaten und Politischen, von Dylans großartig aufeinander eingespielten Musikern in jedem metallischen Ton exakt begleitet. Oder „Scarlet Town“, die Vision einer Kleinstadt, in der die Apokalypse zur Idylle wird und umgekehrt.

Hier saß jede Silbe, und man ärgerte sich noch mehr über jene seltsamen Konzertbesucher, die ihre Karte offenbar gekauft haben, um sich zwanglos unterhalten können. Ob Bob Dylan über die „Early Roman Kings“ sang, über seine Rachegelüste oder über das Schweigen, das wie Donner ist, sie plauderten. Laut. Immerhin an der frischen Luft. Im schönsten Open-Air-Areal Österreichs: Das Festivalgelände in Wiesen hat durch die Renovierung nicht an Aura verloren. Man riecht Patschuli, Gras und Erdbeeren. Feuerflecken, die man mit Steinen zahlt, gibt's noch immer. Und jetzt hat auch Bob Dylan dort gesungen. Zeit war's ja.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.06.2015)

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