Helene Fischer: "Das ist der perfekte Tag"

Sängerin Helene Fischer verteidigte im Wiener Ernst-Happel-Stadion vor 45.000 Zusehern wacker die Utopie einer heilen Welt. Ihr Herz lief Marathon.

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(c) APA/EPA/HERBERT NEUBAUER

Zu viel Wirklichkeit kann ermatten. Also rein ins Evangelium der Lebensfreude, das Helene Fischer stets verspricht. Nach reichlich Funkenflug und Konfettidonner tänzelte sie in orangem Vokuhilakleid und güldenen Stiefelchen auf die Bühne und versprach: „Das ist unser Tag. Der perfekte Tag. Der allerbeste Augenblick. Denn jedes Wunder wird einmal wahr!“. Miesepetrige Alt-68er bezeichnen den Schlager gern als deutsche Massenabrichtungsmethode, die mit sentimentalem Biedersinn, ungelenken Sprach-Schablonen und raffinierten Bewusstseins-Maskeraden geradewegs ins falsche Idyll führt. In diesem Sinne wäre Helene Fischer die gefährlichste Waffe des Genres.

Champagnerfröhlichkeit und Liebesblödigkeit

Diese Retterin der Heile-Welt-Utopie bot auch in Wien den rechtschaffen Erschöpften kuschelig-intimes Asyl. „Heute geht es nur um mich und dich“ beschwor sie sirenenhaft. Selbst in schwierigen politischen Zeiten setzt sich Fischer unbeirrt für Champagnerfröhlichkeit und Liebesblödigkeit ein. Von der Unzulänglichkeit des Glücks, wie sie Philosophen orten, will sie nichts wissen. Ganz im Gegenteil. Sie lockte selbstbewusst in den Abgrund der Liebe. „Mich total verlieren, nichts mehr kontrollieren, das kann ich mit keinem anderen.“

Helene Fischer: ''Lambada'' im Prater

Ein bauschiges Gitarreninterludium später will sie trotz schwindender Kräfte in zerrissenen Jeans um die Häuser ziehen. „Ich bräuchte mal 'ne kleine Pause. Mein Akku ist fast leer. Doch ich hab immer wieder Lust auf mehr.“ Die wechselseitige Durchdringung von Lust- und Leistungsprinzip ist längst gesellschaftlicher Konsens. Das Ich ist in den Sphären von Arbeit und Liebe in permanenter Totalmobilisierung. Umso labender wirken die sanften Einflüsterungen eines Schlagers, der wohlige Innerlichkeit als mögliches Fundament unserer Gesellschaft imaginiert.

Kurios, dass sich Erich Ließmann, der Haupttexter von Fischers Liedgut, Jean Frankfurter nennt. Schließlich waren es die Denker der Frankfurter Schule, allen voran Theodor W. Adorno, die den Schlager als Werkzeug der Massenverdummung verurteilten. Quellcodes der Revolution darf man natürlich nicht von ihm erwarten, aber Sinn ergibt er doch. Um ihn zu verstehen, bedarf es eines unerschütterlichen Glaubens an die Heiligkeit der Trivialität. „Wir sollten alle Kinder sein, vor allem wenn es ums Feiern geht, wie heute abend“, gab Fischer die regressive Route vor. Ihrer Kunst geht es um Bemeisterung von Gefühlsambivalenzen und Verlassenheitsgefühlen. „Lass mich nicht im Stich mitten im Paradies“ sang sie mit kunstvoll Verzagtheit abstrahlender Intonation.

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Fischer hat ihre Fans am Haken

Damit hatte sie ihre Fans am Haken. Die flehten in Tausendschaften mit. In den Schlüsselmomenten eines Helene-Fischer-Konzerts geht es weniger um Trost, als um Solidarität in der Trostlosigkeit. Um die Gemüter wieder etwas aufzuhellen, zischten zwischendurch Sternspritzer auf, fidelten die Streicher Led Zeppelins „Kashmir“, grölten die Backgroundsänger „7 Nation Army“. Nach kurzer Rast tänzelte Fischer wieder herein. Schlager ist bei ihr auch Einübung in existenzielle Aporien. Sie fragte etwa: Was wird aus der Liebe, wenn die Träume platzen?“ Ein schwungvolles, griechisch anmutendes Lied gab Auskunft. „Wunder dich nicht, dass ich dich liebe. Was ich auch los lass – an dir halt ich fest. Nur du bist wichtig und der ganze Rest ist mir egal“. Da war niemand, der an diesen süßen Worten zweifelte. Scharfe Bläsersätze, fiepsige Keyboardgirlanden und böllernde Technobeats würzten derlei Seelensalbungen in durchaus weltlicher Manier.

"Heute wirst du von mir morgens eiskalt vernascht"

Exotische Zutaten belebten „Te Quiero“ und „Marathon“, das wohl schönste Lied des Abend. Zur süchtig machenden Melodie flötete die schöne Helene da von Leidenschaft. Umstandslos verwandelte sie den Hörer in ihr Subjekt der Begierde. „Heute wirst du von mir morgens eiskalt vernascht und heiß genieß ich dich gern später in der Nacht.“ Nach ausgiebigen Drahtseilflügen hoch über den Köpfen der Fans ging es ins Unvermeidliche. Das clever von Rosanne Cashs „Land Of Dreams“ abgekupferte „Atemlos“ verwandelte das Konzert endgültig in eine Feldmesse. Als der auf zehn Minuten gestreckte Megahit ausklang, tat nichts mehr weh.

(Die Presse", Print-Ausgabe, 02.07.2015)

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