Idan Raichel: Feier des Lebens im Krisengebiet

„Als Israeli hat man nicht das Privileg, Angst haben zu dürfen“, sagt Idan Raichel: Mit der „Presse“ sprach er über Vaterschaft, Politik und sein neues Album.

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(C) Cumbancha Exil

Andere durften Gitarre lernen, ich musste mich mit dem Akkordeon befassen – für einen jungen Menschen wohl das uncoolste Instrument überhaupt!“, seufzt Idan Raichel im Gespräch mit der „Presse“. Heute, als Israels Aushängeschild im Bereich der Weltmusik, weiß er längst, dass ihm das ungeliebte Instrument half, die Ohren für unterschiedlichste Arten von Folklore offen zu halten. Und damit seinen ganz eigenen Sound zu finden: eine Fusion aus israelischem Pop und exotischer Folklore.

Zu Beginn half der Zufall. Nach seinem Militärdienst jobbte Raichel in einem Internat für Einwanderer aus Äthiopien: Wider Erwarten verliebte er sich in die steinalten Melodien ihrer Lieder. Mittlerweile hat er acht Alben eingespielt: Raichel schuf eine lebhafte Formensprache, die Afrikanisches, Lateinamerikanisches, Arabisches und Jüdisches auf kulinarische Art verbindet. Im Utopia seiner Musik deutet er ästhetische Kontraste und Mentalitätsunterschiede positiv.

Auf seinem neuen Album, „At The Edge Of The Beginning“, blickt Raichel erstmals auf Privates: Zwei Kinder hat er mittlerweile mit der aus Österreich stammenden Köchin Damaris Deubel. Die Vaterschaft hat seine künstlerischen Sensibilitäten verändert. „Bei aller Freude an der Musik, das Touren ist jetzt bittersüß. Jeder Tag, den ich nicht mit meinen Lieben verbringe, erscheint mir als Verlust.“

Aufgenommen hat er das Album in seinem Elternhaus in Kfar Saba – wo er intensiv über Erlebnisse seiner Kindheit sinnierte. Entsprechend träumerisch klingen die auf Hebräisch gesungenen Lieder. Für „Longing“ holte er sich die fragil tönende Dana Zalah als Gastsängerin: Die Sehnsucht, von der hier die Rede ist, kreist um die kleine, doch so weite Welt der Kindheit. Mit rauer Stimme singt Zalah von kleinen Lügen und großen Geheimnissen, von fallenden Blättern und vom verheißungsvollen Duft der Freitagabende.

In „In Five Seconds“, einem Schlüsselsong des Albums, grübelt Raichel über die Endlichkeit der menschlichen Existenz. Was würde man mit nur fünf Sekunden mehr Leben anfangen? „In dieser kurzen Zeit sollte sich einem die Bedeutung der eigenen Existenz erschließen“, sagt Raichel: „Dieses Lied feiert das Leben.“ Wie geht das, wenn permanent Tod und Zerstörung drohen? „Als Israeli hat man nicht das Privileg, Angst haben zu dürfen, wie die Amerikaner nach 9/11 oder die Pariser nach den Anschlägen im Bataclan. Wir wuchsen in einer Konfliktzone auf, wo der Terror permanent dein Leben manipulieren will. Das darf man nicht zulassen.“

Am liebsten feiert Raichel das Leben auf der Bühne: Bei seinen Konzerten tummeln sich Kollegen aus allen Windrichtungen und Kulturströmungen, bei seinem jüngsten Auftritt im Wiener Konzerthaus etwa die kolumbianische Sängerin Marta Gomez und der malische Gitarrist Vieux Farka Touré. „Das Casting ist der wichtigste Teil meiner Arbeit. Dafür gibt es keine fixen Regeln.“ Manchmal trifft er seine künstlerischen Komplizen im Proberaum in New York, manchmal auf irgendeinem Flughafen. Manchmal sind sie ganz unbekannt, manchmal berühmt.

 

Gedicht von Schimon Peres vertont

Einmal kontaktierte ihn gar der damalige israelische Präsident Schimon Peres bezüglich einer Zusammenarbeit: Aufgewühlt durch rassistische Übergriffe auf die äthiopische Minderheit in Israel hatte er das Gedicht „The Eyes Of Beta Israel“ verfasst. „Dazu eine Melodie zu ersinnen war mir die größte Ehre“, sagt Raichel stolz. „Immerhin ist Peres der legendärste aller israelischen Diplomaten . . .“

Gern erinnert Raichel sich auch an seinen Auftritt 2014 im New Yorker Central Park: Da waren er und der palästinensische Sänger Ali Amr Gäste der amerikanischen R&B-Sängerin Alicia Keys. „Das war ein denkwürdiger Moment. In Israel leben wir nur wenige Fahrminuten voneinander entfernt. Aber weil die Grenzen zu Ramallah geschlossen sind, brauchte es New York, um uns zusammenzubringen.“

Die Einreise in die USA funktioniert neuerdings leichter: Raichel hat sich seine langen Dreadlocks abschneiden lassen. „Warum? Ich könnte jetzt sagen: Weil ich eine neue spirituelle Stufe erreicht habe. Die Wahrheit ist schlicht: Meine Frau wollte es so, und ich bin kein Macho und höre auf sie.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.03.2016)

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