Wie Bob Dylan die Liebe entdeckt

Bob Dylan feiert seinen 75. Geburtstag. Auf „Fallen Angels“ zeigt er sich als später Romantiker – und wandelt abermals auf Frank Sinatras Spuren.

1980s photo of American folk singer Bob Dylan Born Albert Zimmermann on May 24th 1941 Aufnahmed
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1980s photo of American folk singer Bob Dylan Born Albert Zimmermann on May 24th 1941 Aufnahmed
Ein Song and Dance Man, genauso wie Frank Sinatra: Bob Dylan, seit heute 75. – imago/United Archives Internatio

Ein wenig wackelig stand der alte Meister im vergangenen November im Bregenzer Festspielhaus. Mit raspeliger Stimme umkreiste er Unruhe, Einsamkeit und Sehnsucht, diese unheilvollen Nebenprodukte der Liebe. „Melancholy Mood“ hieß der Song, der als erster alle bannte. Er ist nun die erste Single von „Fallen Angels“, des zweiten Teils von Bob Dylans Reise in die Welt des Frank Sinatra. Ein wohl von Jazzgranden wie Horace Silver und Marian McPartland instrumental interpretierter, aber selten gesungener Klassiker des Great American Songbook, der vorführt, wie launisch und zerbrechlich die Liebe sein kann. „Gone is every joy and inspiration, all I can see is grief and gloom“, brummelt Dylan zur wimmernden Pedal Steel Guitar. „Love is a whimsy, as flimsy as lace, and my arms embrace an empty space“, wispert er mit Sehnsucht im Herzen.

Solche Leidenschaft ist neu. Wenn Dylan in seiner langen Karriere in eigenen Worten über die Liebe sang, dann dominierte die Ironie, manchmal gar der Zynismus. Er sang Liebeslieder, als gälte es, negative Theologie zu betreiben, tastete sich nur mit viel Verneinung an Szenarien der Zweisamkeit heran. „I hate myself for loving you and the weakness that it showed“, so begann er das 1974 auf „Planet Waves“ erschienene „Dirge“.

„Love Sick“: Als Kontrapunkt live

Nicht einmal „Sara“, seine große Ode an seine erste Ehefrau, kam 1976 ohne Ambivalenzen aus: „So easy to look at, so hard to define“, wehklagte er. Auch 1981 gebot Dylan seinem Herzen zu schweigen: Die romantische Melodie von „Heart of Mine“ transportierte eine gegenläufige Botschaft. „Heart of mine be still, you can play with fire, but you'll get the bill.“ 1989, in „Most of the Time“ auf dem Album „Oh Mercy“, betete er geradezu darum, von der Liebe verschont zu bleiben: „I don't cheat on myself, I don't compromise, I'm halfway content, stay right with it when the road unwinds.“ Und 1997, auf „Time Out of Mind“, offenbarte er sogar Hass. Im wuchtigen „Love Sick“ sang er drastisch über die Kehrseite des Happy End: „I'm sick of love, I wish I'd never met you.“ Diesen Song bringt er in seinem aktuellen Liveprogramm als letzte Zugabe, als ob er einen Gegenpol zu den vielen Liebeslieder setzen wollte.

Abgeklärt: „That Old Black Magic“

Denn nun, als Mittsiebziger, stimmt Bob Dylan das Hohelied auf die Liebe an, wenn auch nicht mit eigenen Worten. Dem Würgegriff der Hormone entkommen, zelebriert er auf „Fallen Angels“ den schwarzen Zauber der Liebe sogar mit winzigen Tanzschritten. Im Vergleich zu Sinatras leichtfüßigen Versionen von „That Old Black Magic“ flirtet er mit einer abgeklärteren Sorte von Swing. Seine charmant müde Intonation reflektiert die Mühen der Ebene, die er, seit vielen Jahren auf Achse, in der Liebe längst ausspart. Hat er sich in seinen früheren Liedern in bitteren Worten über die Praxis der Liebe echauffiert, so genießt er heute den Luxus der Songlyrik von Meistern wie Johnny Mercer und Sammy Cahn. Sie ließen der realen Verworrenheit des Lebens in ihren Arbeiten nur wenig Platz. Für sie zählte nur das hohe Ideal, wie es in „All the Way“ beschrieben ist. Zeilen wie „Who knows where the road will lead us, only a fool would say, but if you'll let me love you, it's for sure, I'm gonna love you all the way“ singt Dylan mit der Süße eines spät zur Romantik Bekehrten.

Liebesnärrisch: „All Or Nothing At All“

Im fortgeschrittenen Alter tappt er furchtlos in liebesnärrischen Szenarien, etwa im patinierten „All Or Nothing At All“: Dessen Losung „If it's love, there is no in between“ singt er apodiktisch wie ein Youngster. „Young at Heart“ sei er, verspricht schon der Opener von „Fallen Angels“.

Als sich Dylan 2014 erstmals dem swingenden Œuvre Sinatras zuwandte, überraschte das viele. Den Jazz hatte er bisher weitgehend gemieden, gerade „If Dogs Run Free“ (1970) fällt einem ein. Und doch gab es einen frühen Hinweis darauf, dass er in Sinatra einen verwandten Geist sah: Bei einer Pressekonferenz 1965 in San Francisco sprach er von sich selbst als „song and dance man“. Genau so hatte sich Sinatra zwölf Jahre bei der Entgegennahme seines Oscars für „From Here to Eternity“ bezeichnet.

Dass Dylan für „Shadows in the Night“ und „Fallen Angels“ mit dem heute 86-jährigen Toningenieur Al Schmitt arbeiten wollte, war klar. Der 23-fache Grammy-Gewinner, der viel mit Sinatra aufgenommen hat, gilt als Meister der raffinierten Mikrofonierung. Die beiden trafen sich in den Capitol Studios in Los Angeles, wo Schmitt das historische Neumann-U47-Mikro herauskramte, in das einst Sinatra, Dean Martin und Nat King Cole gecroont hatten. Diese Akribie bei den Vorbereitungen sorgte für die nötige Lockerheit bei diesem risikobehafteten Unterfangen.

„Fallen Angels“ überrascht mit größerer Helligkeit als der Vorgänger. Abermals berührt, wie ehrgeizig sich diese verbrauchte Stimme noch in schwierigste Melodien und Liebesszenerien schraubt. Delikater Gram greift nach dem Sänger. Dylan lässt ihn gewähren. Mit 75 Jahren ist schließlich selbst die Melancholie in mildes Abendlicht getaucht.

ZUR PERSON

Bob Dylan, am 24. Mai 1941 in Duluth, Minnesota, als Robert Zimmerman geboren, hat zuletzt zwei Alben veröffentlicht, auf denen nur Songs aus dem Repertoire von Frank Sinatra enthalten sind. Bei seinen Konzerten, deren Setlist sich im Gegensatz zu früher kaum mehr ändert, sind derzeit acht von 21 Songs aus diesen beiden Alben. Zuletzt spielte er in Japan, ab 4. Juni führt ihn seine „Never Ending Tour“ durch die USA.


[MD01L]

(Print-Ausgabe, 24.05.2016)

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