„Futuristen gibt es schon genug“

Pop-Theoretiker Diedrich Diederichsen untersucht in seinem Essay zum gerade gestarteten Wiener Galerien-Festival Curated by die Sehnsucht der jungen Künstler nach den Großvätern.

Diedrich Diederichsen.
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Diedrich Diederichsen.
(c) Andreas Pein / laif / picturedes (Andreas Pein)

Ihr titelgebender Essay zum heurigen Galerien-Festival Curated by lautet: „Meine Herkunft habe ich mir selbst ausgedacht.“ Bei Herkunft denkt man im Moment an Flüchtlinge. Doch darum geht es Ihnen gar nicht, sondern um einen recht komplexen, total kunstinternen Diskurs. Die Titelschrift am Cover des Folders kreist dazu wie ein Ring um einen einsamen grünen Asteroiden. Und man fragt sich leise, aus welcher Welt Sie eigentlich kommen?

Diedrich Diederichsen: Aus der schönen Welt, wo man Nebensätze benutzen darf und Komplexität erwünscht ist. Klar, man kann bei jedem Satz ohne Kontext an Geflüchtete denken. Das ist womöglich ehrenwert und gut gemeint – oder von einer gewissen Angstlust verursacht. Aber es gibt ja einen Kontext: Kunstgalerien. Und schon wird alles ganz einfach: Die Herkunft ist das Unverfügbare. Vorstellungen wie Legitimität und Authentizität leiten sich davon ab. Seit den Avantgarden und nochmal durch die Dominanz des Marktes sind die Leute heute sowohl zur Legitimation über Authentizität und Bezüge wie zu beständiger Innovation in Gestalt gekappter Bezüge gezwungen. Da es im Kunstbetrieb und in der Ausbildung familiär und patriarchal zugeht, denken die Leute in Verwandtschaftsmodellen. Die Großeltern sind die Lösung: Man kappt die Tradition des Vaters und schreibt sich doch in sie ein. Da es diese Großeltern nicht in der eigenen Biografie gibt, muss man sie sich ausdenken beziehungsweise aus der Kunstgeschichte borgen.

Die Zwangsadoption radikaler, heldischer Großeltern also. Können Sie mir ein Beispiel nennen?

Ein Jahrzehnt lang hatten die Situationisten jeden Tag einen neuen Enkel oder eine neue Enkelin. Am liebevollsten war Mike Kelley mit Großvätern wie Peter Saul und – ironisch – Hans Hofmann, die in seiner Kunst vorkamen, über die er aber auch Essays schrieb. Cosima von Bonin war immer sehr gut darin, mit neuen Großeltern zu überraschen: von Poul Gernes bis Mary Bauermeister. Dann diversifizierte das. Es gibt zahllose Enkelkinder von Jack Smith, Bas Jan Ader oder Lee Lozano. Nichts dagegen. Dass keine Großausstellung ohne neu entdeckte, alte, radikale Vorbilder für die Jugend auskommt, ist aber etwas fad.

Die Hinwendung, der etwas verzweifelte Blick auf eine Zeit zwei Generationen zurück, als Künstler scheinbar noch Helden waren, also die Nachkriegszeit, Wiener Aktionismus etwa, kenne ich von mir selbst. Was fehlt mir? Oder ist diese postmoderne Selbsterfindung inklusive Zwangsadoptierung radikaler Großeltern nur ein Zeichen dafür, dass mein eigenes „individualistisch-narzisstisches Programm für Kinder des westlichen Kleinbürgertums“ abläuft?

Beides. Aus der Perspektive derer, für die ein narzisstisches Programm abläuft, geht es ja um was. Der Umstand, dass ich weiß, dass ich im Kino sitze, ändert ja nichts daran, dass ich den Film ernst nehme.

Sie schreiben, dass oft kritisiert wird, dass junge Künstler zu brav, zu angepasst sind, um ihre Väter zu ermorden. Aber auch, dass dieser fehlende Vatermord die Verdrängung des immer noch vorhandenen Meisterklassensystems an Kunstakademien ist. Seit 2006 unterrichten auch Sie an der Akademie in Wien. Ist der Vatermord Ihnen schon einmal passiert? Sie haben ja auch eine Art Meisterklasse, ich nehme an, Sie sind Professor auf Lebenszeit?

Ich bin entfristet, aber ich habe keine Klasse, sondern halte Seminare und Vorlesungen, die für alle möglichen Studierenden offen sind. Trotzdem bin ich natürlich schon oft ermordet worden. Im Punk-Rock, meinem Herkunftsmilieu, sind die Sitten da ohnehin etwas rauer.

Ihre Professur beschäftigt sich mit „Theorie, Praxis und Vermittlung von Gegenwartskunst“ sowie mit „Fragen der Gegenwärtigkeit, Gegenwartsbestimmung, einer Globalitätstheorie und -kritik“. Sie sollten in meinen Augen also der sein, der auch am besten in die Zukunft sehen kann. Also wohin geht's? In der Kunst erst einmal?

Aber die Gegenwart ist nicht die Zukunft. Und Futuristen gibt es um uns herum schon genug.

 

Also gut. Wo stehen wir jetzt? In der Kunst zum Beispiel: Es ist mit ihr ja sehr ambivalent, einerseits erwartet man in dieser sich radikalisierenden Zeit aktuelle, politische Stellungnahme von der zeitgenössischen, gerade von der jungen Kunst. Doch das wird dann schnell langweilig, schließlich sind alle Kunststudenten meist plakativ, naiv links. Dann hätte man also doch lieber Eskapismus, Scheinwelten, Utopien, Dystopien. Was soll Gegenwartskunst denn heute tun, um relevant zu sein?

Links zu sein, ohne naiv zu sein, wäre doch schon etwas.

Punkt! Und wo stehen wir global gesehen?

Es leben heute mehr Menschen auf dem Planeten, als je gelebt haben. Gegenwartskunde hat also genauso viel Stoff wie Geschichte. Vielleicht muss man also weniger nach Vorläufern suchen als nach entfernten, aber relevanten Zeitgenossen. Die Gegenwart ist in dem Sinne interessanter als die Vergangenheit oder die Zukunft, aber man muss Mittel finden, sie in ihrer Ausgedehntheit zu rezipieren.


In der Kulturpolitik? Was würden Sie der österreichischen raten? Im Vergleich zur deutschen?

Ich finde die österreichische in vielen Punkten besser als die deutsche: Hier wird weder ein Stadtschloss gebaut noch eine Elbphilharmonie.

In Österreich? Wer wird die Bundespräsidentenwahl gewinnen?

Hoffentlich nicht der Enkel von diesem anderen österreichischen Künstler.

 

Das Galerien-Festival Curated by, organisiert von Departure (Wirtschaftsagentur), findet noch bis 15. Oktober statt. Es nehmen 19 Wiener Galerien daran teil, jeweils mit einem international tätigen Kurator im Gepäck. Programm und geführte Touren unter: www.curatedby.at

Steckbrief

Diedrich Diederichsenwurde 1957 in Hamburg geboren, er lebt in Berlin und unterrichtet seit 2006 an der Akademie der bildenden Künste Wien. Er ist Kulturwissenschaftler, Kritiker, Journalist, Kurator, Autor („Sexbeat“, „Eigenblutdoping“), Essayist und Hochschullehrer.

Poptheoretiker
Von 1985 bis 1990 war Diederichsen Chefredakteur der Musik- und Popkulturzeitschrift „Spex“, nebenher arbeitete er als Werbetexter. Seine Forschungsgebiete heute sind u. a. Popmusik als Modell einer Gegenwartskultur, Netzkulturen und Entertainment-Architektur, Martin Kippenberger und seine Zeit.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.09.2016)

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