Roland Neuwirth, Pensionist?

Der Chef der Extremschrammeln feierte mit Wegbegleitern und Gästen im Wiener Konzerthaus den Bühnenabschied: offiziell.

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Roland Neuwirth – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

„Gehet hin in Frieden“, so spricht Roland Neuwirth, Oberpriester des Wienerliedes, lapidar und ein wenig verschmitzt. Und das soll es jetzt gewesen sein? So wirklich kann man sich das am Samstag im ausverkauften Großen Saal des Wiener Konzerthauses nicht vorstellen: dass Neuwirth und seine Extremschrammeln da gerade wirklich ihrem Ensemble die letzte Ölung gespielt haben (über „Essig & Öl“ hinaus, einen der vielen Klassiker) und dass der Abschied von der Bühne nach 42 Jahren ein endgültiger sein soll.

Im Publikum also die Ungläubigen, und auf der Bühne der Gläubige – an die Widerstandskraft des Wienerlieds. Er erzählt noch einmal, wie er sich in den 70ern durch einen Berg an Schmalz und Zuckerguss bis zu den alten Schellacks wühlen musste („Das haben die Amis aufgenommen und bewahrt, so viel nur zum heute grassierenden Anti-Amerikanismus“), die seiner Ahnung recht gaben: dass es hinter dem Pseudo-Heurigen-Kitsch noch etwas anderes geben muss. Dieses Ursprüngliche sogen er und Gleichgesinnte auf wie süffigen Veltliner – und schufen Neues. Genau das machte immer die Kraft des Neuwirth'schen Songmaterials aus: Es ist zu 100 Prozent heutig, und lässt trotzdem in jedem Takt die alten Wurzeln spüren. In satten drei Stunden wurde das noch einmal erlebbar, offensichtlicher („Uhudler-Dudler“) oder raffinierter verpackt („Manisch-Depressiv“) im Plauderton („I bin im Gartn“) oder mit schwarzem Humor („Mir swan die Türstöck z'niader“, vielleicht das liebenswerteste Anti-Selbstmord-Lied, das je geschrieben wurde).

 

Verwandte: Blues und Wienerlied

Mit von der Partie waren nicht nur die aktuellen Bandmitglieder – die geniale Überstimme Doris Windhager, die einander perfekt ergänzenden Geiger Manfred Kammerhofer und Bernie Mallinger sowie Harmonika-Virtuose Marko Živadinović, sondern auch einstige Mitstreiter wie der feinsinnige Knöpferlpoet Walther Soyka. Dazu famose Gäste von Krzystof Dobrek bis Alegre Corrêa. Auf Herzenswunsch Neuwirths kam aus den USA Carolyn Wonderland eingeflogen, die mit ihrer stimmlichen Urgewalt hörbar machte, dass die Verwandtschaft von Wienerlied und Blues keinesfalls graue Theorie ist, und die ganz wunderbar mit Trompeten-Feuerwerker Thomas Gansch harmonierte.

Gerade ein Lied spielte Neuwirth übrigens nicht: „Bevor I alt werd' 90 Jahr“. Dann hätte ihm wohl überhaupt niemand mehr die Sache mit dem Abschied geglaubt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.11.2016)

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