Bei diesen Beats verweilt man gern

Kritik Fritz Kalkbrenners Wohlfühltechno sorgte im prall gefüllten Wiener Gasometer für Behagen.

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„Nicht vergessen! Das ist etwas, das wir zusammen machen“, warnte er gleich zu Beginn: Der Mann muss Sprechperlen eingeworfen haben, soviel hat er hierzulande noch nie bei seinen Auftritten geredet. Fritz Kalkbrenner, Spitzname Bärli, ist jener entertainende DJ, der hierzulande hoch geschätzte Werte wie Gemütlichkeit und Freundlichkeit im Techno etabliert hat. Und es auch manchmal geheimnisvoll zwitschern lässt, bevor er – nach angemessener dramaturgischer Pause – Beats und Bässe beigesellt. Etwa am Beginn von „Hearts & Hands“, einer Nummer, die von den leicht verderblichen Gemütslagen des Menschen im Kapitalismus erzählte: „Another day, another dollar, put our precious dreams behind.“ Diesem Verlust der Visionen stellte er das Konzept einer milden Rebellion entgegen: „Move your aching bones now, don't care what people say.“

Im Gasometer schmerzten die Knochen wohl stärker als an anderen Orten seiner derzeit laufenden Tournee. Immer wieder musste Kalkbrenner die Zuhörer zur Ekstase ermahnen. Das neue, sehr schöne Album „Grand Départ“ dürfte aber noch nicht richtig in deren Bewusstsein gesickert sein. Mit „Changing Face“, dem vielleicht anspruchsvollsten Track darauf, eröffnete Kalkbrenner: „Not willing to bare some pain, how do we maintain?“, fragte er und forderte Einsicht in die eigene Vergänglichkeit. Die Beats plätscherten wie ein warmer Sommerregen, der sonore Gesang tröstete und wühlte gleichzeitig auf. Die vom tonalen Spektrum her sehr überschaubare Stimme Kalksbrenners übt dennoch geheimnisvollen Zauber aus. Fast könnte man glauben, er singe stets das gleiche Lied, bloß mit anderen Texten. Bei Hits wie dem düsteren „Kings In Exile“ oder dem tröstlichen „Back Home“ brandete besonders großer Jubel auf. Mit nachsichtigem Blick betrachteten die Fans die penibel choreografierte Knöpferlzupferei Kalksbrenners. Mochte auch einiges davon nur der Show dienen, die Musik, die aus den Boxen hämmerte, stiftete Gemeinschaft. In dieser schönen Blase wohnte Ewigkeit. Hier wollte man verweilen. Es kann etwas Schönes haben, wenn Musik nicht von der Stelle will. (sam)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.03.2017)

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