Stephin Merrit: „Aggression in der Musik ist langweilig“

Stephin Merritt, Mastermind der Magnetic Fields, legt mit „50 Song Memoir“ sein bislang ehrgeizigstes Opus vor: 50 Songs über seine ersten 50 Jahre. Mit der „Presse“ sprach er über die Jugend, Austernessen, Liebe und seine Lieblingsbar.

Stephin Merritt (52 J.): „Als Jugendphänomen kann man die Popmusik wirklich nicht mehr sehen.“
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Stephin Merritt (52 J.): „Als Jugendphänomen kann man die Popmusik wirklich nicht mehr sehen.“
Stephin Merritt (52 J.): „Als Jugendphänomen kann man die Popmusik wirklich nicht mehr sehen.“ – (c) Warner

Die Presse: Ältere Herren klagen gern über die galoppierenden Veränderungen auf dieser Welt. Wie geht's Ihnen damit?

Stephin Merritt: Mit wachsenden Schwierigkeiten. Ich bin jüngst in mein Apartment nach New York zurückgekehrt, das ich während meiner sechs Jahre in L. A. untervermietet habe. Ich musste entdecken, dass die meisten meiner Lieblingsrestaurants nicht mehr existieren. Das war ein Tiefschlag, weil ich mich auf meinen Wegen durch die Stadt an diesen Orten der Meditation orientiere. Jetzt hab ich mir einen Restaurantführer gekauft. Das hilft fürs Erste.

 

Kam es so zu dem Lied „You Can Never Go Back to New York City“?

Absolut. Neben den Restaurants waren es die Plattengeschäfte, die mir Orientierung geschenkt haben. Damit ist es jetzt auch vorbei. Die Shops für gebrauchte Platten finde ich gerade noch, aber ich wüsste nicht, wo ich die neue Adele-Scheibe kaufen könnte . . .

 

„Fred was 22 so everything he said was true“ – diese Liedzeile erinnert an die Zeit, als im Pop noch die Jugend regierte.

Stimmt, als Jugendphänomen kann man Popmusik heute wirklich nicht mehr sehen. In den USA verkauft sich seit Neustem der Backkatalog der Plattenfirmen besser als die aktuellen Alben. Das ist erstaunlich, aber kein Hinweis auf den totalen Kollaps.


Warum nicht?

Weil unter jenen, die das alte Zeugs hören, auch viele junge Hörer sind. Das kann man durchaus als Zeichen der Emanzipation werten: Nicht jeder junge Mensch will sich mit dem die Elektro-Bubblegum-Pop abspeisen lassen, der die US-Charts regiert.

Mutig, dass Sie sich in einer Zeit der geschrumpften Aufmerksamkeitsspannen mit einem epischen Werk wie „50 Song Memoir“ hervortrauen. Wie kam das?

Mein Plattenfirmenmann lud mich in die Austernbar am Grand Central in New York ein und fragte mich, ob ich mir vorstellen könnte, einen Liederzyklus zum Thema 50. Geburtstag zu machen: einen Song für jedes Lebensjahr.

 

War es nicht ein Affront für Sie als Veganer, in eine Austernbar eingeladen zu werden?

Das hätte ich leicht so auffassen können, schließlich hab ich seit 1983 kein Tier mehr gegessen! Es ist mir auch ein Rätsel, was die Leute am Austernessen so toll finden. Aber egal. Wichtig war, dass er es war, der diesen Liederzyklus vorschlug. Ich erinnere mich nämlich mit Grauen daran, wie schwierig es 1999 war, die Plattenfirma von meinem Dreifachalbum „69 Love Songs“ zu überzeugen.


Sie haben bei den Aufnahmen viele rare Instrumente verwendet. Was halten Sie von Strategien der Selbstbeschränkung?

So was kann sehr fruchtbar sein. Ich nahm mir vor, jedes dieser seltenen Instrumente höchstens sieben Mal einzusetzen.


Hatten Sie je musikalische Vorbilder?

Natürlich. Das Duo Goffin/King etwa. Aber nicht in dem Sinn, dass ich sie nachäffe. Nur selten ist etwas so direkt von jemandem inspiriert, wie der Anfang von „50 Song Memoir“: ein Vier-Song-Pastiche à la Phil Spector.


Ihr leiblicher Vater, der Songwriter Scott Fagan, war ein Protegé von Phil Spector. Jüngst hat er Lieder von Ihnen gecovert. Wie finden Sie eigentlich seine Lieder?

Ich bin total unfähig, mir ein unabhängiges Urteil über seine Kunst zu bilden. Ich habe ihn nur zwei Mal in meinem Leben getroffen.

„Be True to Your Bar“ ist eine Hymne auf „Dick's Bar“ in New York, wo Sie große Teile von „69 Love Songs“ komponiert haben. Was macht die Bar so wichtig für Sie?

Öffentliche Orte beruhigen und stimulieren gleichzeitig. Zu Hause würde mir die Decke auf den Kopf fallen. In Bars bin ich auch bei Termindruck entspannt.


Ein Instrument haben Sie dort aber nicht mit dabei, oder?

Nein. Ich komponiere nur, wenn ich Theatermusik mache, auf dem Klavier. Da muss ich ja die Stimmmöglichkeiten der Schauspieler berücksichtigen. Die normalen Popsongs schreibe ich einfach aus dem Kopf. Ein Instrument würde mich dabei nur stören.


„I'm Sad“ heißt einer Ihrer zahlreichen melancholischen Songs. Liegt in solchen Liedern Heilungspotenzial?

Wohl nicht. Ich habe Hunderte melancholische Lieder geschrieben und gesungen, geheilt bin ich deshalb noch lang nicht. Aber als Hörer präferiere ich traurige Songs. Aggression in der Musik interessiert mich nicht. Sie ist langweilig.


Der Schlusssong „Somebody's Fetish“ klingt überraschend optimistisch. Ist denn die Liebe wirklich mehr als ein den Hormonen geschuldeter Betrug?

Sieht man sich im Tierreich um, dann gibt es beides: Wesen, die nicht ohne Liebe auskommen, und Wesen, denen derlei völlig egal ist. Wir Menschen sind da irgendwo in der Mitte. Mir ging es darum zu zeigen, dass ein Happy End auch für schwierige Fälle möglich ist. Tragisch ist derzeit ohnehin so vieles. Die amerikanische Politik zum Beispiel.

Zur Person

Stephin Merritt, 1965 in Kanada geboren, wohnt in New York. Er ist schwul und lebt vegan, trägt nur braune Kleider. 1990 gründete er die nach einem Buch von André Breton benannte Band Magnetic Fields. Mit ihnen hat er u. a. ein Album mit 69 Liebesliedern und eines, auf dem alle Songs mit einem „I“ beginnen, veröffentlicht.
„50 Song Memoir“, ihr zwölftes Album, enthält u. a. „Wonder Where I'm from“ (für sein erstes Jahr, 1966, und die vielen Reisen seiner Mutter), „How to Play the Synthesizer“ (1981), „Foxx And I“ über den verehrten Ultravox-Sänger (1983) und „Eurodisco Trio“ (1997), in dem er auf Deutsch singt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.03.2017)

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