Depeche Mode: Grübeln über die Höhlenmensch-Mentalität

Depeche Mode sind zurück, so politisch wie noch nie. Dennoch kommen Melodie und Melancholie nicht zu kurz. Eine Schnellkritik zu "Spirit", dem 14. Studioalbum der Kultband.

Andrew Fletcher, Dave Gahan und Martin Gore sind Depeche Mode.
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Andrew Fletcher, Dave Gahan und Martin Gore sind Depeche Mode.
Andrew Fletcher, Dave Gahan und Martin Gore sind Depeche Mode. – (c) AFP (Giuseppe Cacace)

"Spirit" heißt das 14. Studioalbum der britischen Elektro-Pioniere Depeche Mode, bestehend aus Sänger Dave Gahan, Songschreiber Martin Gore und Andrew Fletcher, von dem niemand so genau weiß, was er eigentlich macht. Vermutlich die Spannungen zwischen Gahan und Gore lösen. Kreative Spannungen, von denen die Band seit ihrem Bestehen lebt, wie in diversen Band-Biografien nachzulesen ist.

Schoss die Synthiesizer-Band zu Beginn ihrer Geschichte sechs Alben in sieben Jahren heraus, sind die letzten sieben Alben seit "Songs of Faith and Devotion" (1993) im Vierjahres-Rhythmus entstanden. Eines steht fest: "Spirit" ist das politischste Depeche-Mode-Album geworden. Das deutsche "Rolling Stone"-Magazin überschreibt seine Geschichte daher mit dem Titel "Drei gegen Trump" und der "Musikexpress" spricht vom "Klang der Revolution". Die Texte sind allerdings geschrieben worden, noch bevor der Brexit Realität wurde und ehe Donald Trump sich für die US-Präsidentschaft bewarb.

Herausgekommen ist ein vor allem in der ersten Hälfte wirklich starkes Album, das aber nicht über die volle Länge zu überzeugen weiß. Es ist melodisch und melancholisch (manche werden es wohl als selbstmitleidig verunglimpfen), also so wie eine Depeche-Mode-Album sein soll. Der neue Produzent James Ford (Simian Mobile Disco) tut hörbar gut. Um dem Hauptkritikpunkt gleich vorweg zu kontern: Nostalgie hin oder her - natürlich klingen die drei Briten nicht mehr wie in ihrer glorreichen Zeit in den 1980er- und 1990er Jahren. Und das ist auch gut so.

Hier die Schnellkritik der zwölf Songs:

 

Going Backwards

Das Cover des neuen Depeche-Mode-Albums.
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Das Cover des neuen Depeche-Mode-Albums.
Das Cover des neuen Depeche-Mode-Albums. – (c) Depeche Mode

Das Album beginnt mit einem Song, der gleich zeigt, in welche Richtung es geht: "We have not evolved/We have no respect/We have lost control". Depeche Mode sind so politisch wie seit der Hymne "People Are People" nicht mehr. "We're digging our own hole/We’re going backwards/Armed with new technology/Going backwards/To a cavemen mentality", heißt es da. Am Ende singt Dave Gahan "We feel nothing inside", Martin Gore trällert die selben Textzeilen im Background. Selten haben Gahan und Gore so gut harmoniert.

Where's The Revolution

Der Song war die erste Single des Albums. Ein klassischer Depeche-Mode-Song, der aber nicht sonderlich neu klingt. Dafür wird hier erneut Klartext gesungen: "Where’s the revolution/Come on people/You’re letting me down". Wie so oft zitieren die Briten sich problemlos selbst. Jeder Fan wird an die bald 30 Jahren alten Hit "Never let me down again" denken müssen. Das Außergewöhnlichste ist der Bruch im zweiten Teil, als es plötzlich heißt: "The train ist coming/So get on board/The engine's humming". Also, aufspringen auf den Zug der Revolution!

The Worst Crime

"Blame misinformation/misguided leaders/Apathetic hesitation/uneducated readers." Textlich zeitgemäßer klangen Depeche Mode wohl noch nie. Es könnte ein Song über die aktuelle politische Weltlage sein. Pessimistisch und düster.

Scum

Mit verzerrter Stimme haucht Gahan gleich zu Beginn "Hey scum". Zwischendurch schießt er dann immer wieder "Pull the trigger" dazwischen. "You’re dead inside/you’re numb/You’re hollow, and shallow/Your empty life is done". So kraftvoll und gefährlich klangen Depeche Mode seit "Barrel of a Gun" und "Wrong" nicht mehr.

You Move

In der Mitte des Albums ist die Perle versteckt. Mit dunklen Beats wird dieser Song eröffnet, ehe Gahan kraftvoll anhebt: "We had something, that was yesterday/Temptation's knocking at my door". Dieser Song kommt dem Albumtitel am nächsten. Das klingt inspiriert und inspirierend. "I like the way you move/I like the way you move for me tonight". Die Nummer ist die logische nächste Single. Das ist tanzbar, das ist Depeche Mode, wie Depeche Mode sein soll. Das ist simpel, aber groovt ungemein. Die Synthiesizer tun ihr Werk, der Song ist perfekt auf Gahans Stimme abgestimmt. Wir sind gespannt auf die Remixes. We like the song you sing, Dave.

Cover Me

Die Lyrics dieses Songs stammen nicht nur von Gahan. Er hat "Cover Me" gemeinsam mit dem österreichischen Schlagzeuger Christian Eigner und dem Keyboarder Gordeno geschrieben, die beide die Band seit 1998 bei ihren Live-Auftritten begleiten. Überraschend: Die Nummer endet mit einem fast zweiminütigen sanften, langgezogenen Klangteppich, der genau das tut, was Gahan zuvor einfordert: "Cover me".

Eternal

"Eternal" ist die klassische Gore-Ballade, die auf keinem Album fehlen darf. Ob man das nun mag oder nicht. Es ist ein Song für Gores Kind: "Poor little one/I will protect you/And surround you with my love". Der Song schwillt an und bricht nach 2:25 plötzlich ab. Das schadet nicht, so umkurvt Gore zumindest den heraufdräuenden Pathos.

Poison Heart

Dieser Song schließt gewissermaßen perfekt an Eternal an, stellt aber nicht unbedingt ein Highlight dar. Ein typischer, unauffälliger Song aus der Albummitte. Gores Stimme ist im Hintergrund zu hören.

So Much Love

Gahan erwacht wieder zum Leben. "There is so much love in me". Man glaubt es ihm. Der Song steht in der Tradition von "A Question of Time". "You can forsake me/Try to break me/But you can’t shake me, no/You can despise me/Demonise me/It satisfies me so" - der verspielte Refrain erinnert an die früheren Alben aus den 1980er Jahren. Damals klang das allerdings noch ein wenig naiver, wie das Beispiel "New Dress" zeigt: "You can’t change the world/But you can change the facts/And when you change the facts/You change points of view/If you change points of view/You may change a vote/And when you change a vote/You may change the world".

Poorman

1983 übten Depeche Mode mit dem Song "Everything Counts" Kapitalismuskritik: "The grabbing hands/Grab all they can/All for themselves". Über 30 Jahren später klingt "Poorman" wie ein Part II. "Corporations get the breaks/Keeping almost everything they make". Gahan übt sich wieder einmal im Elektro-Blues.

No More (This is the Last Time)

Noch ein Song aus der Feder von Gahan. Es ist ein harmonischer, sphärisch dichter, aber eher unauffälliger und harmloser Abschiedssong, der sich aber beim mehrmaligen Hören ins Ohr schmeichelt.

Fail

Interessanter ist der Closer "Fail". Dieser Song hätte das Potenzial dafür, ein ganz großer Depeche-Mode-Song zu sein. Vielversprechend beginnen die Synthesizer ihre Arbeit, man warte auf Gahans unvergleichlichen Bariton. Alles scheint perfekt. Ja, wäre da nicht plötzlich Martin Gores Stimme. Offenbar wollte er diesen von ihm geschriebenen Song selbst singen. Aber seine Stimme ist zu lieblich. Mit Gahans brüchiger Stimme könnte sich diese Nummer viel besser entfalten. So wird die abschließende Nummer leider dem Songtitel gerecht, oder wie es in der letzten Textzeile heißt: "Oh, we failed."

Ab 20 Uhr sind Depeche Mode am 17. März 2017 beim Album-Launchevent im Livestream zu sehen.

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