Der Homer des Rock'n'Roll: Chuck Berry ist tot

Er gab ab 1955 dem neuen Stil seine poetische Sprache, er definierte das Teenage als gelobtes Alter, er war der Meister des Gitarrenriffs: Chuck Berry ist 90-jährig in Jefferson City, Missouri, gestorben.

Chuck Berry kurz vor seinem 60. Geburtstag.
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Chuck Berry kurz vor seinem 60. Geburtstag.
Chuck Berry kurz vor seinem 60. Geburtstag. – (c) imago/ZUMA Press (imago stock&people)

Hail, hail, Rock'n'Roll, deliver me from the days of old“, sang Chuck Berry im März 1957 in „School Days“. Er sang es cool, mit dem ihm eigenen Understatement, doch heute, fast auf den Tag genau 60 Jahre danach, kann man es nicht mit genug Emphase zitieren: Chuck Berry hat den Rock'n'Roll nicht erfunden, aber er hat ihm eine poetische Sprache gegeben. Ohne ihn wäre dieser wohl ein Modetanz mit ein bisserl aufsässiger Attitüde geblieben. Plakativ gesagt: Wenn Elvis Presley der Unterleib des neuen Stils war, dann war Chuck Berry sein Sprachzentrum. Auch deshalb war der Rock'n'Roll von Beginn an auf ganz organische Art antirassistisch: weil er das Klischee vom geistig überlegenen Europäer und vom emotional und rhythmisch starken Afrikaner, das bis heute im Pop lebt – vor allem in der Polarität zwischen „weißem“ Gitarrenpop und „schwarzem“ Dancefloor – mit sich selbst widerlegte.

"Roll Over Beethoven"

Es waren nicht viele, vielleicht zwei Dutzend Songs, mit denen Chuck Berry die lyrische Welt des Rock'n'Roll definierte und damit die ganze folgende Popmusik prägte. Da war der Anspruch, den er gleich 1956, mit seiner vierten Single stellte: „Roll over Beethoven, and tell Tschaikowsky the news.“ Ähnlich deutlich, aber genauso mit Augenzwinkern, beschied er in „Rock'n'Roll Music“ dem Jazz, wer fürderhin den Ton angeben wird: „I've got no kick against modern jazz, unless they try to play it too darn fast; and change the beauty of the melody, until it sounds just like a symphony.“

Selbst schon über 30, legte er auch gleich das Alter fest, das die populäre Musik in den nächsten Jahrzehnten prägen sollte: das Teenage: „Sweet little sixteen“, sang er, „she's got the grown-up blues. Tight dresses and lipstick, she's sportin' high-heel shoes.“ Bitter könnte man sagen: Heute hat die gealterte Popkultur den Teenage Blues.

Doch damals war die Teenage-Welt eine neue Welt, und Chuck Berry beschrieb ihre Geografie, in allen Details. Im wunderbaren Hochzeitslied „You Never Can Tell“ etwa, wo das junge Paar sich mit allem einrichtet, was das Herz begehrt: „They furnished off an apartment with a two room Roebuck sale, the coolerator was crammed with TV dinners and ginger ale.“ Und natürlich mit Musik: „They had a hi-fi phono, boy, did they let it blast, seven hundred little records, all rock, rhythm and jazz; but when the sun went down, the rapid tempo of the music fell, ,c'est la vie‘, say the old folks, ,it goes to show you never can tell‘.

Vorbild der Beatles und Rolling Stones

Man möchte Hunderte Zeilen zitieren, allein vor – nun mit Trauer überschatteter – Freude am Schaukeln und Rollen der Silben, aber man muss noch ein zweites großes Verdienst Chuck Berrys würdigen: Er war selbst der Meister des Gitarrenriffs, als den er einen der Helden in seinen Songs, den Johnny B. Goode, pries. Dieser spiele die Gitarre „just like ringin' the bell“, heißt es darin. Bis heute kann sich jeder Gitarrist einer Band, die auch nur irgendwie mit Rock zu tun hat, Chuck Berrys Schüler nennen, von Keith Richards abwärts, dessen Rolling Stones gleich auf ihrem ersten Album mit „Carol“ ein klassisches Chuck-Berry-Riff hatten. Auch die Beatles hatten natürlich etliche seiner Songs im Repertoire, sogar der melancholische George Harrison wirkte aufgekratzt, wenn er „Roll Over Beethoven“ singen durfte.

Drei Jahre im Jugendgefängnis

Das war 1964. Zwei Jahrzehnte davor hätte niemand dem in St. Louis geborenen Charles Edward Anderson Berry zugetraut, dass er in die Musikgeschichte eingehen sollte. Da wurde er wegen bewaffneten Raubüberfalls verurteilt, saß drei Jahre im Jugendgefängnis. Nach seiner Entlassung arbeitete er in einem Montagewerk, dann ab 1951 als Pförtner beim Radiosender WEW. Dort kaufte er einem Musiker eine Gitarre ab. 1952 hatte er erste Auftritte in St. Louis, damals noch vor fast ausschließlich farbigem Publikum. 1955 holte er sich in Chicago ein Autogramm von Muddy Waters, dieser vermittelte ihn an Chess Records.

Dort nahm Chuck Berry seinen ersten Hit auf: das Lied über die untreue Maybellene, die ihm davonfährt: „As I was motivatin' over the hill, I saw Mabellene in a Coup de Ville, a Cadillac a-rollin' on the open road, nothin' will outrun my V8 Ford, the Cadillac doin' about ninety-five, she's bumper to bumper, rollin' side by side . . .“

Diese liebevollen Automobil-Schilderungen beeinflussten einen weiteren Schüler, Brian Wilson von den Beach Boys. Deren „Surfin' USA“ war hörbar an „Sweet Little Sixteen“ orientiert, ab 1966 gab Wilson sogar Chuck Berry als alleinigen Komponisten an. Wohl übertrieben, aber es zeigt den Respekt, den Berry damals schon genoss. Dieser fügte seinem Kanon nach dem anzüglichen „My Ding-A-Ling“ (1972) kaum mehr Neues hinzu. Live blieb er präsent, tourte unermüdlich, schaute darauf, dass er – selbst ein „Brown-eyed Handsome Man“, wie einer seiner Songs hieß – immer fesch aussah.

Neues Album 2017?

Sein letztes Wien-Konzert, 2008 im Gasometer rezensierte die „Presse“ unter dem Titel „Wer braucht denn gestimmte Gitarren?“ und bescheinigte dem alten Meister „coole Schlamperei“ und, dass er, 17 Jahre älter als Keith Richards, um 17 Jahre jünger aussehe als dieser. Ja, Berry wusste um seine Aura – und dass er es nicht notwendig hatte, mit einer eigenen Band zu proben. Schließlich, so sein Argument, kenne eh jeder anständige Rockmusiker seine Songs auswendig . . .

Recht hatte er. Zu seinem 90. Geburtstag, am 18. Oktober 2016, kündigte er an, er werde 2017 ein neues Album veröffentlichen und seiner Frau Thematta widmen, mit der er 68 Jahre verheiratet war. „My darlin', I'm growing old!“, schrieb er ihr auf seiner Homepage: „I've worked on this record for a long time. Now I can hang up my shoes!“

Das Album wird wohl posthum erscheinen. Chuck Berry ist am Samstag in seinem Haus in Jefferson City, Missouri, gestorben. „Ring, ring, goes the bell“, hieß es in „School Days“: Jetzt hören wir Trauerglocken.

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