Dass man in einer Entzugsklinik landet, weil die Entgiftungsorgane keine olympischen Bestleistungen mehr schaffen, muss noch lange kein Zeichen für schwindende Adoleszenz sein. Wenn aber die Geschäftsführung von Madame Tussauds beschließt, ihrer bis vor kurzem noch mit nacktem Oberkörper ausgestellten Robbie-Williams-Wachsfigur Kleidung überzuziehen, dann wird es auch für sein fleischliches Pendant Zeit, über das unerbittliche Fließen der Zeit nachzudenken...
Das tat der schnoddrige Sänger aus Stoke-on-Trent. Er sinnierte über die guten alten Achtzigerjahre und tat sich mit einem zusammen, der schon Popgeschichte geschrieben hat, als Klein-Robbie noch nicht über den Tresen des väterlichen Pubs blicken konnte. Der Mann heißt Trevor Horn, ist 60Jahre alt und hat als Produzent Hitparadenkonfektionsware von Frankie Goes To Hollywood bis hin zu Grace Jones gefertigt. Als Mitglied der Gruppe The Buggles schrieb er mit dem Song „Video Killed The Radio Star“ Musikgeschichte. Mit dem Video dieses Hits startete der einstige Musiksender MTV, der in den Achtzigern für Weltkarrieren von Duran Duran bis Michael Jackson mitverantwortlich war, 1979 seinen Betrieb.
Orchestraler Pomp
Heute spielen Musikvideos bei MTV nur mehr eine untergeordnete Rolle. Ein guter Moment also, eine Songsammlung „Reality Killed the Video Star“ zu nennen, zugleich eine Verbeugung vor Produzent Trevor Horn. Der ging es ganz solide an, den zuletzt wegen seiner gar nicht so uninteressanten musikalischen Experimente beim Mainstream-Publikum ein wenig in Ungnade gefallenen Robbie Williams wieder auf jene Erfolgsstraße zu führen, die ihn 55Millionen Alben verkaufen ließ.
Das neue Album glänzt mit orchestralem Pomp wie einst nur „Escapology“, jenes Opus, das Williams den Durchbruch in Festlandeuropa bescherte. Das zeigt schon der Opener „Morning Sun“, eine kraftvolle Ballade mit unwiderstehlicher Melodie, die sich artig dem Diktat von Pauken, Bläsern und Streichern fügt, textlich aber von kleinen Fluchtmöglichkeiten auch für jene träumt, die es sich im Schmollwinkel gemütlich gemacht haben. „And you always wanted more then life, but now you don't have appetite, the world don't love you anymore“ singt Williams eindringlich wie zu seinen besten Zeiten, die er ja immer dann hatte, wenn er sich als Mainstream-Act zum Außenseiter stilisierte.
Dabei genoss er doch auch Sympathien vom musikalischen Underground, weil er die Schwierigkeiten von Anpassungsprozessen so gut wie kein anderer verkörpert. Unter seinem Nadelstreif glimmt immer auch die Glut des Revoluzzers, hinter all den Machoposen verbirgt sich letztlich doch ein weicher Wesenskern.
Das Tier unter der Discokugel
In Interviews verblüfft Williams gerne mit dem Allerfantastischsten, seinen persönlichen Wahrheiten. Auf diese Art packt er auch seine Songlyrics an. Eine Zeile wie „All we've ever wanted is to look good, naked hope that someone can take it“ aus dem Song „Bodies“ enthält wohl gleich viel Sarkasmus wie Wahrheit.
Das gilt für das Gros der zwölf neuen Songs, die stilistisch zwischen pathetischer Rockballade und dezent blubberndem Electro-Dance angelegt sind. Im von herrlich kargen Synthietupfern zehrenden „Last Days Of Disco“ gibt Williams die rechte Rezeptionsart vor: „Don't call it comeback, look what I invented here/said I'm the angel of liberation, love, for a second I believe her.“ Heute könne er nur mehr unter der Discokugel das in ihm wohnende Tier rauslassen, beteuert er weiters. Das ist sehr glaubwürdig, sind doch die Dance-Nummern des Albums, allen voran das roboterhaft intonierte „Difficult For Weirdos“, die Prunkstücke des neuen Songzyklus. Im wirklichen Leben hat er nun eine Freundin und nicht weniger als acht Hunde (zwei in England, sechs in L.A.). Bei so viel Verantwortung kann man sich nicht mehr tief fallen lassen.
Leidtragende sind die neuen Balladen. Mit Ausnahme von „Morning Sun“ und dem überraschend düsteren „Deceptation“ fahren Williams und Horn den Karren der ganz großen Gefühle auf die Klischeehalde. Das mag die Formatradiotauglichkeit der Lieder erhöhen, nervt aber jene, die ihn wegen unbändiger Songs wie „Rudebox“ lieben. Selbst „Blasphemy“, ein klebriges Überbleibsel aus der Zeit, als Williams noch mit Guy Chambers komponierte, bleibt seltsam farblos. Hört man es, so versteht man, warum sich Williams von seinem früheren Hitkomponisten verabschiedete, um neue Wege zu gehen.
„Reality Killed the Video Star“ ist das Album, das Williams größtem Erfolg „Escapology“ soundmäßig am nächsten kommt. Es beweist einmal mehr, dass Williams diese kuriose Kraft innewohnt, Hörer von Bangheiten zu befreien, indem er sich schonungslos bloßstellt, statt simpel wehzuklagen wie das Gros der Kollegen.
Das Motorrad? Nur Pose!
Einmal mehr hat Robbie Williams die Ödnis seines Wohlstandslebens in ein schillerndes Popkunstwerk mit Ergötzungsmehrwert verwandelt. Er präsentiert Selbstzweifel und Charakterfehler wie andere Stars teure Geschmeide und Luxuslimousinen. Selbst das Motorrad auf dem Cover ist mutig gebeichtetes Posing. Der gute Mann hat sympathischerweise nämlich nicht einmal den Führerschein.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.11.2009)

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