Die Vorstellung ist tatsächlich etwas beunruhigend: „Ich fühlte mich, als wäre ich plötzlich als Britney Spears wieder aufgewacht.“ So beschreibt Popsternchen Rihanna ihre ersten Tage, nachdem sie ihr Exfreund Chris Brown damals im Februar verprügelt hat. Plötzlich habe sich die ganze Welt für sie interessiert, Hubschrauber kreisten über ihrem Haus in Los Angelas, und Paparazzi standen vor der Tür Schlange.
Verstärkt wurde die Dramaturgie durch das von der Polizei geschossene Foto, das an die Öffentlichkeit weitergegeben wurde. Ein Blick darauf genügte, um zu wissen, dass Brown nicht bloß „die Hand ausgekommen ist“, was für sich allein schon schlimm genug wäre. Das Gesicht der 20-Jährigen war blau und geschwollen, die Lippe aufgesprungen.
Stunden bevor das Foto geschossen wurde, hatte sie der Rapper – Rihannas „große, bedingungslose Liebe“, wie sie heute noch sagt – misshandelt, ihren Kopf gegen die Autoscheibe gedroschen, sie in Finger und Ohr gebissen. Wochen später sollte er sich schuldig bekennen, zu 180 Tagen gemeinnütziger Arbeit verurteilt werden.
Rihanna zog sich zurück, sprach seit Februar mit niemandem außer ihrer engsten Familie. Mehr als ein halbes Jahr lang schwieg sie. Amerikanische Schmierblätter spekulierten ausführlich: Sie habe Brown vergeben. Sie sei wieder glücklich mit ihm. Sie hasse ihn. Sie liebe ihn. Sie ziehe sich komplett zurück. Und so weiter. Nicht zuletzt wurde gerätselt, ob und wann der 20-Jährige sie erneut verprügeln werde.
Nun hat das Schweigen ein Ende, die Spekulationen aber nicht. Der US-Sender ABC strahlt erstmals ein Interview mit der Sängerin in kompletter Länge aus. Der Grund für Rihannas Gang an die Öffentlichkeit: „Ich möchte anderen Mädchen, denen das Gleiche passiert ist, helfen. Ich liebte ihn so sehr, ich wollte das einfach nicht wahrhaben.“
Ob sie dem rabiaten Sänger nun vergeben hat oder nicht, darauf wartet der Zuhörer vergeblich, Rihanna weicht geschickt aus. Neunmal müsse eine Frau im Durchschnitt von der großen Liebe geschlagen werden, ehe sie sich lösen könne. „Das ist schlecht. Ich rate allen da draußen. Trennt euch nach dem ersten Mal.“
Ähnliches hörte man schon vor Jahren von Whitney Houston. Deren Ehemann Bobby Brown hatte den Popengel aus dem Film „Bodyguard“ jahrelang geschlagen und in die Drogensucht getrieben, ehe sich die Sängerin schließlich von ihm trennte. Geht es nach den Anwälten, wird Rihanna von einem ähnlichen Schicksal verschont bleiben. Laut Gerichtsbeschluss darf ihr Chris Brown fünf Jahre lang nicht näher als 50Meter kommen.
Trotzdem glauben viele Boulevardmedien zu wissen, dass ihr Brown seitdem schon wieder deutlich näher – nämlich in ihr Bett – gekommen sei. Im Interview spricht Rihanna darüber nicht. Auch sonst bleibt sie viele Details schuldig.
Stattdessen philosophiert sie über Liebe und Hass: „Liebe macht blind. Aber ich sage euch, das ist schlecht.“ Hass verspüre sie gegen jene, die das Foto ihres verprügelten Gesichts an die Öffentlichkeit weitergegeben haben: „Das ist furchtbar, es war mir so peinlich, dass mich die ganze Welt so sehen konnte.“ Den US-Klatschmedien war das egal, sie druckten das Foto wochenlang auf den Titelseiten ab.
Wirklich schlauer ist man nach dem Interview also nur bedingt. Die Spekulationen über Rihannas Verhältnis zu Brown werden weitergehen. Klar ist nur, dass sich die Sängerin nicht zurückziehen wird. In zwei Wochen erscheint ihr neues Album, auf die Verkaufszahlen wird sich die ganze Affäre sicher auswirken – nicht negativ.
■Sängerin Rihanna wurde im Februar von ihrem Exfreund, dem Rapper Chris Brown, schwer verprügelt.
■Nun erscheint ihr neues Album, und die Sängerin spricht über die Affäre und „bedingungslose Liebe“.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.11.2009)

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