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Pop: Den Ohren können Flügel wachsen

06.11.2009 | 18:12 |  SAMIR H. KÖCK (Die Presse)

Kris Kristofferson, romantischer Nashville-Renegat, spielte in der Wiener Stadthalle groß auf.

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Zu Beginn machten sich die Feinnervigen unter den Fans ein bisschen Sorgen. Der angejahrte Country-Existenzialist hatte vor zwei Jahren in Wien öfter mal den Text vergessen und dies mit drolligen Anekdoten überspielt. Doch die Sorge war unbegründet. Der 73-Jährige, dessen Lieder auch genrefremde Künstler hinreißend interpretierten, zeigte sich in Topform, zudem politisch kämpferisch. Sein charismatischer Bassbariton ist brüchig, aber immer noch in der Lage, den schön gewundenen Melodien zu folgen. Kristofferson startete mit dem archaisch tönenden Titelsong seines neuen Albums „Closer to The Bone“, das demonstriert, dass er als Songwriter immer noch dieselbe Beobachtungsgabe besitzt, die ihn Klassiker wie „Loving Her Was Easier“ und „Sunday Morning Coming down“ schreiben ließ, die er an diesem Abend in raffiniert knittrigen Versionen gab. In „Nobody Wins“ ätzte er: „Das sangen einander wohl Dick Cheney und George Bush unter der Dusche vor.“

 

Scharfe Protestsongs

Kristofferson, dem die konservativ eingestellte Countryfangemeinde sein politisches Engagement in den 1980ern krumm nahm und ihn boykottierte, fühlt sich von der politischen Wende in den USA bestätigt. Diese im Rücken hat er nun wieder scharfe Protestsongs wie „Sandinista“ im Repertoire. Auch „They Killed Him“, seine Hommage an Gandhi und Martin Luther King, durfte nicht fehlen. Aber am besten ist Kristofferson, wenn er statt über diffuse Weltverbesserung über konkrete Sehnsüchte singt.

Mit der urtümlichen Kraft weniger Akkorde machte Kristofferson mit der Dialektik von Selbstverlust und Selbstwerdung, mit dem versteckten Zusammenhang von Leid und Ekstase bekannt. In „The Pilgrim: Chapter 33“, einer Ode an seine Helden, sang er am Ende wohl auch ein wenig über sich selbst: „He's a walking contradiction, partly truth, partly fiction.“ Mag das Leben auch nach Asche im Mund schmecken, den Ohren können mit der Kraft edler Melodien Flügel wachsen. Das taten sie: von „Casey's Last Ride“ über „Jody&The Kid“ bis zum wohl intensivsten Song Kristoffersons, dem bittersüßen „For The Good Times“. Der Aufschwung bleibt halt auch im Privaten immer nur Episode.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.11.2009)

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