So fängt man Wellen: Bei den Beach Boys stimmt jeder Ton

Genauigkeit in der Euphorie und Wehmut: Geführt von Gründungsmitglied Mike Love, gaben die Beach Boys in der Wiener Stadthalle ein Konzert, bei dem jeder Ton stimmte. Mit etlichen interessanten Fußnoten der Popgeschichte - etwa zur indisch angehauchten Freundschaft Mike Loves zu George Harrison.

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Nur die Hemden waren nicht sehr stilvoll: die Beach Boys, am zentralen Mikrofon - mit Kappe - Mike Love. – APA/Herbert Neubauer

Plötzlich war da George Harrison, mitten im Beach-Boys-Konzert, unter Palmen sozusagen, der Beatle mit den traurigen Augen, nach all den sonnigen kalifornischen Mädchen und Buben: Auf der Videowand in der Stadthalle liefen Aufnahmen vom Februar 1968, aus dem damals berühmten indischen Meditationslager des Guru Maharishi Mahesh Yogi. Die Beatles waren dort, Donovan war dort und eben auch Mike Love von den Beach Boys.

Der Kurs hatte u. a. zur Folge, dass sich auf „Friends“, dem Album der Beach Boys aus dem Jahr 1968, ein Song namens „Transcendental Meditation“ fand, aber auch, dass Mike Love und George Harrison eine Freundschaft begannen, die offenbar, vielleicht befeuert durch beider Männer Liebe zu schnellen Autos, hielt, bis Harrison 2001 starb. An Lungenkrebs, wie schon drei Jahre davor Carl Wilson, der Beach Boy mit den melancholischen Augen.

Himmlisch: "God Only Knows"

Mike Love gedachte beider toten Freunde, ließ seine Beach Boys für diesen das himmlische „God Only Knows“ singen und spielen (mit der unvergleichlichen Stimme Carl Wilsons vom Band), sang für jenen, wie er im Zeichen der Fische geboren, ein Lied namens „Pisces Brothers“.
Auch wer so gar nichts von Astrologie und transzendentaler Meditation hält, hatte da längst Tränen in den Augen.

Es war nicht der einzige rührende Moment dieses Abends voller Popgeschichte: Mike Love, oft als allzu pragmatischer Antipode des Beach-Boys-Genies Brian Wilson unterschätzt, hat ihn inszeniert, mit viel Gefühl für alle Stimmungen von Euphorie bis Wehmut, und vor allem mit dem Wissen, dass es für eine solche Beschwörung der Vergangenheit der Genauigkeit bedarf: Ein falscher Ton im kunstvollen Stimmengeflecht von „Sloop John B.“ oder „Don't Worry Baby“, und die Magie zerbricht.

Musikdirektor Scott Totten sah mit viel Liebe zum Detail darauf, dass sie's nicht tat; Schlagzeuger John Cowskill drängte darauf, dass die Nostalgie nie behäbig wurde, trieb die Wellen in „Catch A Wave“ genauso an wie die Motoren in „Little Deuce Coupe“ oder „I Get Around“, steigerte bisweilen, etwa in „When I Grow Up (To Be A Man)“, das Tempo sogar mehr, als man es in Erinnerung hat. Nur „Rock'n'Roll Music“ ließ er unbeschleunigt, bei diesem Chuck-Berry-Song haben die Beatles ja schon einst das Rennen zwischen der ersten amerianischen und der ersten britischen Band gewonnen . . .

Umweltbewusst: "Summer In Paradise"

Sonst kein Einwand. Nur reine Freude über all die großen Songs aus der Ära des Pop, in der dieser, gerade noch unschuldig, sich erstmals seiner Unschuld bewusst wurde. (Und damit begann, zu ahnen, was Schuld bedeuten könnte.) Als man sich noch ohne Angst vor Umweltverschmutzung und Sexismusvorwürfen an Autos und Bikinimädchen freuen durfte. Als der Sommer der Normalzustand war, wenigstens in Kalifornien. „Get us back our summer“, hieß es in „Summer In Paradise“, einem der Beach-Boys-Songs, in dem dann doch schon der Raubbau an der Natur beklagt wurde. Auch das eine interessante Fußnote der Popgeschichte. Wie die ungewohnt heftigen Songs aus „Wild Honey“, dem Album, das 1967 erschien, nachdem Brian Wilsons „SMiLE“-Projekt gescheitert war. Wie „Ballad Of Ole' Betsy“, die vielleicht menschlichste Liebeserklärung an ein gealtertes Auto, das völlig klarerweise als „she“ bezeichnet wird.

KONZERT: BEACH BOYS
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KONZERT: BEACH BOYS
APA/HERBERT NEUBAUER

Muss man noch sagen, dass auch in „Good Vibrations“, dieser so hellen wie zerbrechlichen Ode an die Freude, jeder Ton stimmte? Dass bei der letzten Zugabe, „Fun Fun Fun“, nicht mehr viel fehlte, und alle hätten einander umarmt? Es war, nüchtern gesagt, ein sehr schöner Abend.

Brian Wilson kommt am 20. Juli

Wer ihn versäumt hat, kann bald eine weitere Gelegenheit wahrnehmen, das Vermächtnis der Beach Boys live zu erleben: Brian Wilson bringt am 20. Juli in der Wiener Stadthalle das epochale Album „Pet Sounds“ zur Gänze und dazu etliche Beach-Boys-Klassiker. Der Vergleich wird spannend.

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