Guns N' Roses in Wien: Erinnerung an das Ungesunde im Rock'n'Roll

Luftgitarre, Über-Kopf-Klatschen, Finger im Nachthimmel: 55.000 Nostalgiehungrige feierten das Comeback von Guns N' Roses. Die Band erinnerte stellenweise an die schönsten Phasen ihrer juvenilen Selbstvergeudung.

Axl Rose, lead singer of American rock band Guns N' Roses, performs with Slash at Parken Stadium in Copenhagen
Schließen
Axl Rose, lead singer of American rock band Guns N' Roses, performs with Slash at Parken Stadium in Copenhagen
Sänger Axl Rose und Gitarrist Slash bei ihrem Konzert Ende Juni in Kopenhagen. Die "Not in this Lifetime"-Tour führte sie am Montag nach Wien. – REUTERS

An der Abschaffung der Spontanität in der Rockmusik haben sich Guns N' Roses nie bewusst beteiligt. Sie waren viel zu sehr mit der lustvollen Vergeudung von Unersetzlichem beschäftigt. Sänger Axl Rose baute dank deftig gemixter Drogencocktails Gehirnzellen ab, Gitarrenhalbgott Slash schädigte vital sein Herz. Jungrocker sind halt meist zu stark fürs vernünftige Leben. Jetzt, jenseits der Fünfzig, haben sich immerhin drei Mann von der Originalbesetzung dazu aufgerafft, die eigene Jugend noch einmal in Form einer gemeinsamen Tournee hochleben zu lassen.

Dabei macht ihnen die – heute übliche – fixe Setliste das Leben gemütlich. Jeden zweiten Abend die gleichen Songs herunterzubrettern und dennoch so etwas wie Magie zu erzeugen, das ist freilich schwer. Gegen die Fadesse der Konstanz wandten sich die mit viel ärztlicher Kunst restaurierten Veteranen eines Lebensstils, der nichts mit Veganismus und Political Correctness zu tun hat, wenigstens in kurzen Phasen des Konzerts, in denen sie sich an ihre einstige juvenile Selbstvergeudung erinnerten. Doch zunächst galt es für die 55.000 Besucher im Praterstadion, das erste Drittel durchzustehen, in dem der Sound so breiig war wie die Kost, die Opfern von juvenilen Faustkämpfen (Motto: „Jetzt kannst du dann dein Mittagessen lutschen!“) verabreicht wird.

Spurenelemente von erotischer Bedürftigkeit

In dieser Klangaufwallung konnten keinerlei Nuancen ausgemacht werden – alles hörte sich nach karamellisiertem Popcorn an. Also vertrieb sich der mindestens 120 Euro zahlende Fan die Zeit damit, Slashs Totenkopfringe zu zählen – es waren immerhin drei. Oder stumm die rasanten Hutwechsel von Axl Rose zu würdigen. Dessen kesses Gewackel wies immerhin noch Spurenelemente von erotischer Bedürftigkeit auf. Ein erster Ruck der Wonne ging bei „Chinese Democracy“ durch die Menge, bloß wirkte diese Ode an die – ohnehin mehr mythische als reale – amerikanische Freiheit dank Donald Trump veraltet. China ist ja mittlerweile bei Themen wie Handel und Umweltschutz progressiver als die USA. Slash, der wohl nie auf die Texte achtet, schrubbte derweil schönste Riffs von einer giftgrünen Gitarre.

Bei „Welcome To The Jungle“ schraubte sich Roses Stimme erstmals in die beim Volk so beliebte Kreissägenqualität. Die Flexibilität dieses eigentlich waffenscheinpflichtigen Organs war vor einigen Jahren dahin. Vielleicht kam die Heilung ja durch Axls letztjährigen Ausflug hinter den Mikrofonständer von AC/DC zustande, wer weiß?
Der Umschwung zum Erträglichen kam bei Song Nummer elf. Und das von unerwarteter Seite. Bassist Duff McKagan war, sieht man von der in Fell und Spitze gekleideten Synthesizer-Todesfee Melissa Reese ab, die stilvollste Erscheinung auf der Bühne. Mit kräftiger Stimme sang er eine gespenstische Version von „Attitude“ von den Misfits.

Kurze Zeit später war auch Roses Stimme auf Betriebstemperatur. Mit einem entschlossenen „Civil War“ erweckten Guns N' Roses eine Armee von Luftgitarrenspielern, schließlich befingerte Slash hier erstmals seine doppelbündige Schwarze. Jene, die nie Unterricht im Luftgitarrenspiel hatten, stachen jetzt mit einem einzelnen Finger in den Nachthimmel oder praktizierten das beliebte Über-Kopf-Klatschen. Einzig die Mano Cornuta, die gehörnte Hand, war rar an diesem Abend.

„Wish You Were Here“, „Black Hole Sun“

Mit einer beseelten Lesart des patinierten Krachers „Sweet Child O'Mine“ rissen Guns N' Roses die Sympathien dann ganz auf ihre Seite. Die zahlreichen wohldefinierten Gössermuskeln im Publikum vibrierten jetzt wonnevoll. Auch bei den edel angelegten Coverversionen – von einer glühenden Instrumentalversion von Pink Floyds „Wish You Were Here“ bis zu Soundgardens „Black Hole Sun“ – war der Jubel groß. Das Vorübergehende des Lebens konnte in diesen Momenten kurz verdrängt werden.

Diese Ewigkeit im Augenblick wurde wenig später auch in der epischen Version von Bob Dylans „Knocking On Heaven's Door“ zelebriert. Da verwandelte sich isolierte Grölerei in Massenchorgesang wie schon davor bei „November Rain“, der wohl besten Ballade dieser aus unerklärlichen Gründen (das Geld war's angeblich nicht) wiederauferstandenen Band. Abschließend gab's dann noch Rhythmen für den Pürzel: Bei „Paradise City“ verwandelte sich das Stadion in eine Tanzfläche. Vor dem Oval klappten jetzt die weniger betuchten Fans ihre Alusessel zu, stopften das Leergut artig in die dafür vorgesehenen Müllcontainer und waren fast ebenso happy wie die große Schar der zahlenden Gäste.

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Meistgelesen
    Kommentar zu Artikel:

    Guns N' Roses in Wien: Erinnerung an das Ungesunde im Rock'n'Roll

    Schließen

    Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
    Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.