Wilfried: Sensibler Kraftprotz mit Hang zum Blödsinn

Wilfried Scheutz, stets nur Wilfried genannt, der wildeste und unkonventionellste aller Austropopstars, hat seinen Kampf gegen den Krebs mit 67 Jahren verloren. Er wilderte in allen Genres und war zudem Pionier der Neuen Volksmusik.

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Wilfried (1950–2017). – (c) Astrid Knie

Sich ins Unvermeidliche schicken, das war seine Sache nicht. In seiner Karriere zog es ihm öfter den Boden unter den Füßen weg. Wilfried behielt stets die Nerven und orientierte sich wacker neu. Kaum je erlaubte er es sich, ins Moll abzurutschen. In seinen dunkelsten Stunden setzte er noch Feuerzeichen der Selbstermächtigung. Auch in seinem allerletzten Lied, „Was wird?“. Zu schluchzenden Violinen fragt er: „Was wird aus uns, wenn wir das verlier'n?“

Der fernöstliche Gedanke, das Leben als eine lose Aufeinanderfolge von Verlusten zu sehen, die im eigenen Tod, dem ultimativen Selbstverlust, gipfelt, machte Wilfried kaum Angst. Sein Lied endet mit einer selbst praktizierten Weisheit: „Drum lass mich tun, tun was ich tun muss.“ Das zugehörige Video nahm schon den absehbaren Abschied mit leiser Poesie vorweg. Dieser Film war auch der Schlusspunkt von Wilfrieds letztem offiziellen Termin, der Präsentation seiner letzten Platte, „Gut Lack“, in der eigenen Vereinsmeierei zu Pressbaum. Es waren viele Freunde geladen. Sohn Hanibal Scheutz hatte Probleme, die Fassung zu bewahren. Wilfrieds Frau, Marina, die er 1978 bei den Arbeiten zur ersten EAV-Platte kennen- und lieben gelernt hat, tröstete gar manche nah am Wasser gebauten Gäste.

 

Unverblümte, deftige Worte

Wilfried selbst nahm sich Zeit für ein Gespräch mit Vertretern der schreibenden Zunft. Da war er noch einmal in seinem Element. Den kritischen Gedankenaustausch liebte er. Stets sagte er unverblümt, was er für die Wahrheit hielt. An diesem Abend ätzte er gegen seinen einstigen Schulkollegen Jörg Haider, sah Österreichs politische Zukunft recht düster und agierte seine Wut auf die Wutbürger aus. Hinter den deftigen Worten war immer das grundsätzlich positive Denken des 1950 in Bad Goisern geborenen Musikers und Schauspielers zu erkennen.

Seine Karriere verlief, wie es sich für einen Charakter aus dem Salzkammergut wohl schickt, uneben. Die Mutter sang im eigenen Wirtshaus zu den Beats der Kochtopfdeckel. Als Sänger war bald Little Richard Wilfrieds Vorbild. Zwischen der Musik der steirischen Kern-Buam und jener der Rolling Stones wollte er justament keinen Unterschied erkennen. Und so mischte er als erster Österreicher kurzerhand beide Genres. Die Basis für die Neue Volksmusik war hiermit geschaffen. Sein funkiges „S'Katherl“ wurde ein Undergroundhit in den Diskotheken. Mit „Ziwui Ziwui“ und „Mary, Oh Mary“ erreichte Wilfried erstmals die vorderen Chartsplätze. Nie hielt es ihn lang in einem Idiom. Ein weiterer Meilenstein war das gemeinsam mit dem späteren Falco-Produzenten Robert Ponger produzierte Discoalbum „Nights in the City“.

1978 experimentierte er als Sänger des EAV-Debütalbums im Fachgebiet Popkabarett. 1988 vertrat er Österreich mit dem Lied „Lisa Mona Lisa“ beim Song Contest und wurde markanter Letzter. Nach dieser Niederlage entdeckte er das Theater für sich. 1996 hatte er wieder eine zündende musikalische Idee. Er zog mit der jodelnden A-cappella-Gruppe 4Xang durch die Lande. „In manchen Jodlern gibt's so wilde Wendungen, die ich bislang nur aus der Musik von Frank Zappa gekannt habe“, sagte er. Heuer brachte der sensible Kraftprotz mit „Gut Lack“ ein exzellentes Spätwerk heraus. Es wurde zum Epitaph für jenen Austropopper, der wie kein anderer an seinen Niederlagen gewachsen ist. Sein liebster Spruch in schweren Zeiten: „Im Ernstfall rettet mich mein Hang zum Blödsinn.“ Am Ende leider doch nicht. So ein Krebs versteht nicht einmal Galgenhumor.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.07.2017)

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