The War On Drugs: Alles, was die Punk-Polizei verboten hat

Diese Band kennt keine Angst vor langen Haaren, ausführlichen Gitarrensolos und beschaulichen Hippie-Pastoralen: Das neue Album von The War On Drugs ist auf geradezu unfassbare Weise zeitlos.

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Nein, diese Hipster von heute kümmern sich nicht um die Reinheitsgebote der Punk-Generation. Aber so etwas von gar nicht! Nicht nur, dass manche von ihnen lange Haare tragen, sie dulden sogar Gitarrensolos, die länger als 20 Sekunden dauern! Und wenn ein junger Mann einer bisserl inniger über den Missouri singt, schreien sie nicht entsetzt auf: „Der klingt ja wie Bruce Springsteen!“

Das sollte sich schon länger herumgesprochen haben, sorgt aber immer wieder für Irritation. Etwa im Falle von The War On Drugs, einer Band aus Philadelphia, deren Name (Krieg gegen Drogen respektive auf Drogen) schon von einem gewissen Kifferhumor zeugt und die wirklich so klingt, dass auch z. B. alte Grateful-Dead-Fans ihre Freude daran haben. Im Gegensatz zu Mark Kozelek, dem Sänger der kalifornischen Indie-Folk-Band Sun Kil Moon. Als diese bei einem Festival zeitgleich mit The War On Drugs auftreten musste, kam Kozelek durch die akustische Konkurrenz aus dem Rhythmus und schimpfte diese: „I hate that beer commercial lead-guitar shit!“ Und, später, noch derber: „This next song is called ,The War On Drugs can suck my dick‘.“ Nachdem er sich zunächst entschuldigt hatte, wiederholte Kozelek die Beleidigung, indem er tatsächlich einen (musikalisch eher öden) Song dieses Namens veröffentlichte, in dem es unter anderem heißt, dass die Kollegen von War On Drugs persönlich ja ganz nett seien, aber: „Ihre Haare sind lang und fett, hoffentlich haben sie keine Läuse.“

Bierreklame? Alle Ruhe dieser Welt!

Adam Granduciel, der tatsächlich ausgesprochen langhaarige Chef von War On Drugs, lässt sich durch solche Kläffereien nicht aus der Ruhe bringen, die auch seine Musik durchdringt. „A Deeper Understanding“ heißt das neue, vierte Album seiner Band. „I don't know“, singt er gleich zu Beginn, „I've been away.“ Fort und wieder da. Und später: „I'm stepping out into the world. I'm stepping out into the light.“ Es ist eine magische Welt, und, man verzeihe das Hippie-Klischee, jedes Stück ist eine Reise ohne Ziel, angetrieben durch obstinate Rhythmen, die bald nach Landstraße, bald nach Eisenbahn und bald nach Warp-Antrieb klingen. Nach Krautrock, wie die Vorzugsschüler der Popgeschichte gern sagen.

Mit Bruce Springsteen, mit dem auch der zornige Mark Kozelek die Band seines Missvergnügens verglichen hat, hat das übrigens gar nichts zu tun. Adam Granduciels Gesang erinnert viel eher an Bob Dylan in dessen unvordenklichen Zeiten.

Wenn es langsamer wird, in „Knocked Down“ etwa, wird die Andacht – diesfalls angesichts eines fernen Sterns im Nachthimmel – ein wenig zäh, das Schlagzeug schleppt sich und die Glöckchen klingeln pflichtmäßig, doch wenn Granduciel seine Gitarre durchs nächtliche Bild strahlen lässt, passt es schon wieder. Und danach, nach einer doch etwas biederen Klavierkadenz, beginnt der nächste Trip: „Nothing To Find“. Granduciel geht durch frühmorgendlichen Regen, bevor der Mond aufgeht, und ihm die Weisheit dräut: „There's always something bigger living on the other side.“

Man kann darüber lächeln, aber es lächelt nicht zurück. Granduciel meint das so, bis hin zum Wind der Liebe, den er abschließend blasen lässt: „Let it blow through you and take you into the night.“ Dann drängen sich noch einmal alle Instrumente ans Licht und verschwinden wieder im Dunkel, in dem nur ein schwirrender Bass nachhallt. So ist das an den Ufern des Missouri, da ändert sich nichts mehr. Wenn Bierreklame jemals so klingen sollte, ist die Welt endlich erlöst.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.09.2017)

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