Holger Czukay: Der Tieftöner des Krautrock ist gestorben

Der Bassist der großen Band Can, wurde tot aufgefunden.

„Experimentell musste es sein, darauf bestand ich“, sagte Holger Czukay einmal über die Gründung seiner Band Can im Jahr 1968. Aus der Popmusik hatte er diesen avantgardistischen Anspruch nicht: Schon als Zwölfjähriger hatte er Zwölftonmusik gehört, mit 19 war er bei einen Vortrag von Karlheinz Stockhausen, der nebstbei erklärte, er müsse auf Kommerz nicht achten, weil er eine reiche Frau geheiratet habe . . .

In diesem Sinn bewarb sich Czukay nach seinen Studien bei Stockhausen als Lehrer bei einem Schweizer Internat – wo er aber keine Millionärin kennenlernte, sondern, nach einer Vorlesung über Beethovens Siebte Symphonie, Michael Karoli, den späteren Can-Gitarristen.

Karoli ist 2001 gestorben, Schlagzeuger Jaki Liebezeit im Jänner 2017, so ist nun, nach Czukays Tod, nur mehr Keyboarder Irmin Schmidt von der Stammbesetzung dieser Band am Leben. Die von immenser Bedeutung war, weit über Deutschland hinaus, und bis heute Bands auf der ganzen Welt beeinflusst. Krautrock nannte man in englischsprachigen Ländern die Musik von Bands wie Can anfangs verächtlich, nach dem von Deutschen angeblich so geliebten Sauerkraut, heute ist der Terminus höchst positiv konnotiert. Krautrock klang und klingt „psychedelisch“, also rauschhaft verspielt, aber ohne das englische Wunderland-Flair oder das amerikanische Hippie-Fernweh; vor allem ist der Rhythmus repetitiv, fast bis zur Monotonie, ohne die Biegsamkeit, die man Groove nennt. Czukay trug mit seinem Spiel wesentlich dazu bei, es hat die Bassisten des Postpunk beeinflusst, die des Postrock der Neunzigerjahre sowieso. Trockenen Humor hatte er auch: 1983 bat er die Bayerische Staatsregierung um die Hymne von Bayern: Er befasse sich als „Privatsymphoniker“ mit den Hymnen von Zwergstaaten. Als das Amt ungehalten reagierte, korrigierte er: Er habe natürlich Bergstaaten gemeint.

 

Vorbild auch für Johnny Rotten

Die ersten Stücke schufen Can 1968 für einen Underground-Film namens „Kama Sutra – Vollendung der Liebe“; ihr erstes, großteils frei improvisiertes Album hieß „Monster Movie“, ihr vielleicht bekanntester Track „Spoon“ war Erkennungsmelodie der Krimiserie „Das Messer“. Auf „Tago Mago“ (1971) spielten Can mit Parapsychologie, kokettierten gar mit dem schwarzen Magier Aleister Crowley. Doch als die Punk-Bewegung die Spintisierereien der Hippie-Ära verwarf, nahmen viele ihrer Vordenker die Band Can davon aus: John Lydon alias Johnny Rotten etwa bekannte sich als Can-Fan; Jah Wobble musizierte mit Liebezeit und Czukay.

Dieser hatte Can 1977 verlassen, 1986 stieg er für ein Comeback, dem das achtbare Album „Rite Time“ entsprang, wieder ein. Er veröffentlichte etliche Soloalben, arbeitete u. a. mit dem deutschen Technomusiker Ingmar Koch alias Dr. Walker zusammen. Ganz zum Schluss war er im legendären einstigen Can-Studio in Weilerswist bei Köln, das er als Wohnung nutzte. Am Dienstag fand ihn ein Nachbar tot. Er wurde 79 Jahre alt. (tk)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.09.2017)

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