Der alte Mod und seine sanfte Revolution

Paul Weller im Museumsquartier: Was als routiniertes Rockkonzert begann, endete in schwebender Leichtigkeit.

Paul Weller.
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Paul Weller.
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Älter werden immer nur die anderen. Bei Paul Wellers Konzerten ist das gut zu bemerken. Ungeachtet des eigenen Ballons heftete man mehr oder weniger diskret den Blick auf die Wampen der anderen. Nicht zu wenige davon waren wenigstens teilweise von Parkas umhüllt. Die Mod-Kokarden, ursprünglich kreisförmige, auf Militärflieger aufgemalte Zeichen, waren auf den T-Shirts längst zu Ellipsen verzerrt. Zwei Bierzapfanlagen hatte man klugerweise ins Innere des Museumsquartiers verlegt. Menschen sprachen einen an, die man hundertprozentig nicht kannte. Nach einigen Sätzen erinnerte man sich dann doch . . .

Die Zeit raubt einem viel, schenkt aber auch. Etwa die Paul-Weller-Songs der vergangenen Jahre. Es sind so viele, dass sie Altfans kaum noch auseinanderhalten können. Von den frühen Liedern kennen sie jede Nuance. Entsprechend kühl quittiert wurde der Beginn mit aktuellen Rocksongs wie „Nova“ und „White Sky“. Der junge Weller hätte das improvisierte Gedaddel gehasst, an dem sich der alte nun so vergnügt. Irgendwie verständlich, dass er jetzt, da er endlich richtig Gitarre spielen kann, dies auch zeigen will. Aber: Obwohl Weller immer noch vereinzelt geniale Songs komponiert, war sein Output qualitativ viel höher, als er noch als bekennender Dilettant unterwegs war.

 

Erinnerung an Style Council

Egal, Weller-Fans sind in Geduld geschult. Zum ersten Mal locker wurde die Menge beim butterweichen „My Ever Changing Moods“. Später folgten noch „Have You Ever Had It So Blue?“ und „Shout to the Top“ von Style Council, Wellers Band in den Achtzigerjahren: Lieder, formschön wie Wellers Garderobe. Die damals bewusste Abkehr von der räudigen Ästhetik von The Jam versteht bis heute nicht jeder. Doch der jazzig-soulige Sound von Style Council hat gut überlebt: Demnächst kommen sämtliche Werke, klangtechnisch restauriert, in Form von Doppelalben neu heraus.

Die grundsätzliche Anmutung des Konzerts blieb freilich ruppig. Entschlossen knallte Weller, umgeben von Getreuen wie Gitarrist Steve Cradock, elaborierte Rocksongs wie „Porcelain Gods“ herunter. Manches endete in perkussiven Wirbeln à la „In a Gadda Da Vida“. Lange Zeit sah's nach einem guten Weller-Konzert aus, aber nicht nach einem ausgezeichneten. Doch dann kam ein technisches Problem mit der zwölfsaitigen Gitarre, die Band ging von der Bühne. Nach der Rückkehr war alles anders: Statt hektischer Instrumentendrescherei regierte schwebende Leichtigkeit. Zarte Grooves und wehmütiger Gesang dominierten edle Stücke wie „Above the Clouds“ und „These City Streets“. Selbst der Jamknaller „Start!“ strahlte erlesene Zartheit ab. Das war jetzt Riffrock fürs Federbett, abseits jeder Dämonie des Musikeralltags. „A Kind Revolution“, die auf die Basstrommel gemalte Losung des aktuellen Albums, jetzt war sie verwirklicht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.09.2017)

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