Die Krawallnudel vom braven Land

Beth Ditto, Heldin der Selbstermächtigung, rebellierte mit lauter Stimme gegen Konventionen aller Art. Ihr Mix aus R&B und House begeisterte in der ausverkauften Arena.

Da war der Lidstrich noch intakt: Beth Ditto wurde in der Wiener Arena stürmisch bejubelt.
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Da war der Lidstrich noch intakt: Beth Ditto wurde in der Wiener Arena stürmisch bejubelt.
Da war der Lidstrich noch intakt: Beth Ditto wurde in der Wiener Arena stürmisch bejubelt. – (c) APA/GEORG HOCHMUTH (GEORG HOCHMUTH)

In äußerst bescheidene Verhältnisse geboren, ziemlich deutlich am herkömmlichen Schönheitsideal vorbeigeschrammt und noch dazu mit einem Hang zur Faulheit ausgestattet, war Beth Ditto nicht wirklich für ein Leben als Star prädestiniert. Es war ihre markante Stimme, die sie aus dem dunklen Erdäpfelsack des Kollektivs befreit hat. Jetzt, nach der Implosion ihrer Band Gossip, singt sie wieder in kleineren Hallen. In Wien war es die Arena, die aus allen Nähten platzte. Viele Damen waren gekommen, um ihre Heldin der Selbstermächtigung live zu erleben.

Die startete mit einer muskulösen Version von „Oh, My God“, einem der Hits ihres ersten Soloalbums „Fake Sugar“. Der Song erzählt die in vielen Varianten beliebte Geschichte einer Begegnung, in der sich vom ersten Moment an Magie entfaltet. Während das limbische System Endorphine produziert, plant ein anderer Teil des Gehirns schon die gemeinsame Zukunft: „I'm not superstitious, but I had a vision of us“, lautete die Losung da. Die zu gleichen Teilen aus Damen und Herren bestehende, vierköpfige Band produzierte einen hinreißenden Groove, und Ditto zelebrierte erstmals an diesem Abend diese ätzende Schärfe ihrer Stimme, die auch den paar unauffälligeren Songs im Repertoire eine Anmutung von Kampfhymne verlieh.

 

Futter für hippe Tanzflächen

Mit „I Wrote the Book“ folgte bald jener Typus von Song, zu dem Dittos Stimme wohl am besten passt: Mächtige Keyboardkaskaden und ein wunderbar pulsierender Housebeat führten jetzt auf den Dancefloor. Die Keyboarderin hatte mächtig damit zu tun, die Maschinenrhythmen zu schlichten, die Gitarristin machte Pause. So hätte man sich das Debütsoloalbum der Ditto vorgestellt: Futter für die hippen Tanzflächen dieser Welt. Und dann machte sie diesen Schlenker in die Welt ihrer Kindheit. Sie wuchs im ländlichen Arkansas auf, wo Disco ein Schimpfwort war. Dort hörte man süßlichen Country und rüden R&B und Rock. Diese Stile dominieren nun Dittos aktuelle Musik. Vieles klingt ungewohnt brav, aber zuweilen kann sie auch in diesem musikalischen Kleid die Krawallnudel herauslassen.

Das passierte sehr effektiv in „Oh La La“, einem seltsam schwebenden Song, in dem die Sängerin Schlaglichter auf eine traurig-schöne Kindheit warf. Da war der dicke Lidstrich noch intakt. Fans schenkten ihr ein undefinierbares Textil, das sie sich für ein Weilchen um den Hals rankte. Später, als ihr die Schminke im Gesicht eindrucksvoll zerlief, zeigte sie tiefes Dekolleté. Der Gefahr von zu viel Wohlbehagen in der Musik begegnete die Band mit schmutzigen Einsprengseln. Die Gitarristin deutete ihre Lust zum Funk mehrfach an, die Keyboarderin verwöhnte mit üppigen Klangflächen. Zwischendurch würzte man mit Zitaten von den Bee Gees bis zu Michael Jackson.

Das düster pumpende „Do You Want Me To“ war eines der Highlights dieses stürmisch bejubelten Abends. Beth Ditto wird ja nicht nur wegen ihrer großartigen Stimme gefeiert, sondern auch weil sie Dicksein mit ihrer selbstbewussten Art fast hip macht. Ihre Kugelfigur behängt sie sich vorzugsweise mit glänzendem Textil. In einer von Normfigur und Magerideal beherrschten Welt ein lautes, sichtbares Selbst zu sein, das ist eine nicht zu gering einzuschätzende Zusatzleistung dieser Frau. Im Zugabenblock verabreichte sie das unvermeidliche „Heavy Cross“, ihren bislang einzigen wirklichen Welthit. „It's a cruel world“, polterte sie da und steigerte sich in einen Jubelton, mit dem die derzeitige Weltlage nicht mithalten kann. Zum Abschied reichte sie „Fire“, einen auf einer fragilen Basslinie balancierenden, robusten Erotiksong. Mit dem Charme einer fleischfressenden Pflanze flötete sie da „Get up-up-up if you want my love“. Gefährlich, gefährlich.

ZUR PERSON

Beth Ditto, 1981 in Arkansas geboren, wuchs in einer Wohnwagensiedlung auf. 1999 gründete sie mit Freunden die Band Gossip, die von der feministischen Riot-Grrrl-Bewegung beeinflusst war. Ditto setzt sich für die Rechte von Menschen aller sexuellen Orientierungen und ein positives Körperbild ein. 2007 zierte sie nackt das Cover der Musikzeitschrift „NME“, für den „Guardian“ verfasste sie eine Kolumne mit Ratschlägen für Frauen. 2016 verkündete sie die Auflösung von Gossip, um sich ihrer Modelinie und Solokarriere zu widmen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.09.2017)

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