Jazzfestival Leibnitz

Jazz: "Eine Schule der Heilkraft"

Zu feiern galt es das Fünf-Jahr-Jubiläum unter der Patronanz von Otmar Klammer. Der britische Saxofonist Soweto Kinch überstrahlte alles.

Selten in Österreich zu Gast: der Rapper und Saxofonist Soweto Kinch.
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Selten in Österreich zu Gast: der Rapper und Saxofonist Soweto Kinch.
Selten in Österreich zu Gast: der Rapper und Saxofonist Soweto Kinch. – (c) Iza

Am Untertitel sollt ihr sie erkennen! Das Festival Leibnitz forciert die Losung „Jazz & Wein“. Das ist erstaunlich, wenn man dessen Impresario Otmar Klammer kennt. Ein Charakter, der der raschen Stimulanz abhold ist, wie kein anderer in der heimischen Jazzszene. Und doch ist er ein Feuerkopf, geradezu ein Missionar der reschen Töne, wenn er das Jazzlokal „Grazer Stockwerk“ programmiert.

In Leibnitz muss er eine andere Strategie der Musikvermittlung wählen. Hier gilt es, das Herbe und Süße geschickt auszubalancieren, ja, sich zuweilen über den Tellerrand des Jazz hinauszuwagen. Genau das passierte beim letzten Act der heurigen Ausgabe mit dem britisch-nigerianischen Soulsänger Ola Onabulé. Dieser Hüne sang so sanft, dass es zunächst fast bizarr anmutete. Das Chorknabenhafte trat später in den Hintergrund. Mit flexibler Intonation und Liedtexten, die die Lebensrealität eines mutig zwischen den Kulturen herumgeisternden Menschen reflektieren, beeindruckte Onabulé rasch.

 

Papa, der singende Superheld

In manchen Passagen weckte er Erinnerungen an Al Jarreau. Seine Ansagen machten klar, dass hier einer stand, der der Welt mit seiner Kunst sagen will, wer er im Innersten ist. Seine Lieder kündeten von eingelösten und immer noch bestehenden Hoffnungen. Vor allem, was seine Söhne betrifft. Auf die Frage, wer denn der absolute Superheld sei, antwortete seine Tochter ohne zu zögern, dass es Papa sei. Einer seiner Söhne hatte gleichfalls eine rasche Antwort: „He looked me dead in the eye and said ,Spiderman‘“.

Einen Helden hat sich auch das Quartett des französischen Sopransaxofonisten Émile Parisien gewünscht. Mit dem Klarinettisten Louis Sclavis haben sie sich so einen in ihre Mitte gezaubert. Der Veteran inspirierte den zuletzt sehr umtriebigen, viel jüngeren Parisien hörbar. An den rauen Texturen, die man gemeinsam ersann, wurde klar, dass hier Künstler am Werk waren, die trotz vieler Jahre im Geschäft immer noch am Suchen sind. Die Notendichte war eindrucksvoll.

Fluffiger wurde im charmanten Marenzikeller aufgespielt. Das Café Drechsler, ein Trio, das beständig zwischen kulinarischem Groove und dem Gestus des Rebellischen changiert, verführte mit Stücken wie „And now . . . Boogie!“ und „Dancing on One Foot“ noch die Vorsichtigsten zu Tanzbewegungen. Während die New Yorker Kombo Sexmob so unterschiedlichen Granden wie Jimi Hendrix und Nino Rota Reverenz erwies, indem sie sich von deren unsterblichen Melodien in ein finsteres Meer aus Klängen stürzten, verließ sich der 39-jährige, selten in Österreich gesehene Saxofonist und Rapper Soweto Kinch ganz auf die eigene Klangsprache.

„Eine Schule der Heilkraft“ sei Musik für ihn, bekannte er in einer knappen Einführung und leitete gleich über in „Centricity“, den komplexen Opener seines superben Albums „Nonagram“. Mit furiosen Bop-Phrasen verwies er auf die prinzipielle Unannehmbarkeit der Realität, warf den Blick auf Möglichkeiten der Transzendenz. Die harsche Wirklichkeit der britischen Inner Cities handelte er in klugen Raps ab, die oft von gestrichenem Kontrabass und handgefertigten Beats umrahmt waren. Mit einem herrlich entrückten Frühschoppen des Berliner Quartetts „Die Enttäuschung“ ging das Festival auf dem Weingut Harkamp dann überaus würdig zu Ende.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.10.2017)

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