Novaks Kapelle: „Wir mussten vor unserem Publikum flüchten“

Sie sind nach wie vor Kult. Das Gesamtwerk von Novaks Kapelle liegt nun mit der Kompilation „Fartwind“ (sic!) erstmals auf CD auf. „Die Presse“ sprach mit dem mythenumrankten Sänger Walla Mauritz.

Novaks Kapelle in ihrer Ursprungsbesetzung: Schlagzeuger Erwin Novak (hinten links), Bassist Peter Travnicek, Gitarrist Helge Thor und Sänger Walla Mauritz (sitzend).
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Novaks Kapelle in ihrer Ursprungsbesetzung: Schlagzeuger Erwin Novak (hinten links), Bassist Peter Travnicek, Gitarrist Helge Thor und Sänger Walla Mauritz (sitzend).
Novaks Kapelle in ihrer Ursprungsbesetzung: Schlagzeuger Erwin Novak (hinten links), Bassist Peter Travnicek, Gitarrist Helge Thor und Sänger Walla Mauritz (sitzend). – (c) Novaks Kapelle

49 Jahre nach ihrer Aufnahme ist die Novaks-Kapelle-Single „Hypodermic Needle“ auf der amerikanischen Kompilation „Warfaring Strangers – Acid Nightmares“ zu finden. Gleichzeitig kommt das Gesamtwerk auf CD heraus. Freuen Sie sich über die neue Aufmerksamkeit für Novaks Kapelle?

Walter „Walla“ Mauritz: Im Grunde interessiert es mich nicht. Auch damals war mir egal, wie viel wir von unseren Platten verkauft haben. Nostalgie finde ich furchtbar. Meine eigenen Sachen anzuhören, das tu ich nie. Das käme mir vor, als wäre ich einer von jenen, die ihre eigenen Fäkalien betrachten.

Sie haben immer wieder gesagt, sie hassen ihr Publikum. Wie kam das?

Ich habe es als eine Art feindliche Masse wahrgenommen. Die jungen Leute, die zu unseren Konzerten kamen, hatten oft bürgerlichen Hintergrund. Die waren nicht sehr offen. Uns war darum, das aufzubrechen und ihnen im übertragenen Sinne den Arsch zu zeigen. Manchmal mussten wir flüchten, weil das Publikum rabiat wurde, wenn wir Free Jazz statt Rock gespielt haben.

Vor Novaks Kapelle waren sie gemeinsam mit dem späteren österreichischen Weltstar Kurt Hauenstein (Supermax) in einer Band. Wie war das?

Furchtbar. Mit der „Crazy World Of Cock On Cock“, so hieß die Band, hab ich mal bei der Grazer Landwirtschaftsmesse gespielt. Wir waren gemeinsam mit Stripperinnen und Zauberern gebucht. Wir waren quasi die langhaarigen Affen in diesem bunten Programm. Die Band konnte sich nicht halten, weil der Kurt Hauenstein ein sehr schwer zu verkraftender Mensch war. Irgendwie hat der von innen gestunken. Er hatte eine böse Ader, während der Rest der Band gut drauf war. Wir waren anarchistisch und happy, nie a priori aggressiv.

Wie kam es dann zu Novaks Kapelle?

Wir kannten einander alle von Jams und haben gesagt, probieren wir's. Das war 1967.

Worum ging es Ihnen mit der Band?

Ich war stark vom Aktionismus beeinflusst, habe sogar in einem Film von Otto Mühl mitgespielt. „Schwarze Kosmetik“ hat der geheißen. Gesehen hab ich ihn nie. Der Günter Brus war überhaupt ein Held von uns. Seine Radikalität hat uns unglaublich getaugt. Wir sahen uns als Brüder im Geiste. Für uns war eines ganz wichtig: Erwartungshaltungen zu brechen. Es gab Konzerte, da kamen wir auf die Bühne und aßen und tranken, ohne zu spielen. Ein anderes Mal wieder, wenn die Leute auf einen Skandal hofften, spielten wir ganz normal.

Mit Oswald Wiener hegen Sie eine lange Freundschaft. Woher kennen Sie ihn?

Der Ossi war der erste, den ich von der Wiener Gruppe kennengelernt habe. Wegen meiner langen Haare hatte ich schon etwa 50 Lokalverbote in Wien eingesammelt. Da wurdest du einfach nicht bedient. Das passierte eines Tages auch in einem Speisehaus in der Strozzigasse, in dem der Ossi und seine Frau Ingrid saßen. Sie erklärten sich sofort solidarisch, zahlten und sagten dem Wirt, dass sie nie wieder kämen. Auf den ersten Blick sah der Ossi ja ziemlich bürgerlich aus. Nur seine Schuhe hatte er orange angemalt. Er lud uns gleich in seine Wohnung in der Judengasse ein.

Hat Sie Wiener inspiriert?

Natürlich. Wir haben davor lange geglaubt, dass wir mit unserer Haltung allein stünden. Ich war einigermaßen belesen, aber mit ihm konnte ich nicht mithalten. Ich bin ja als Prolet in Ottakring aufgewachsen. Aber in der Schule war ich immer gut, obwohl ich mehr oder weniger auf der Gass'n aufgewachsen bin. Aufgeklärt wurde ich im Park.

Sie haben die wilden Sechziger und Siebziger als Rocksänger erlebt. Wie haben Sie die Groupies in den Griff bekommen?

Ich fand das nur bedingt lustig. One-Night-Stands waren einfach nichts für mich. Bald war klar, dass mir das Verzichten mehr gibt als das Pudern. Das hat mich gestärkt. Mir war wichtig, dass ich Herr meiner Triebe bin.

Was ist die Geschichte hinter dem spektakulären Cover Ihres Albums „Naked“?

Meine schlichte Idee war, das Plattencover der legendären Jimi-Hendrix-Platte „Electric Ladyland“ nachzustellen und statt junger Mädchen reife Damen ins Bild zu bringen. Am Ende hatten wir nur drei gefunden, die sich fotografieren ließen. Eine davon war die Mutter vom Travnicek (Peter, Bassist der Band). Dafür bin ich ihr ewig dankbar.

Die Frauen konnten Sie sich aussuchen, die Fans aber nicht . . .

Komischerweise hatte Michael Jeannée einen Narren an uns gefressen. Er schrieb uns eine Jubelkritik im Express. Offensichtlich hat ihm unsere Haltung getaugt. Tief drin im Speckmantel seiner Spießigkeit haust vielleicht ein kleiner Anarchist.

„Fartwind“. Die Kompilation aller Songs von Novaks Kapelle wird heute, 12.10., um 18.30 Uhr im Wien Museum präsentiert. Auch Walla Mauritz wird anwesend sein.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.10.2017)

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