Gorillaz: Polonaise durch den Cyberspace

Damon Albarn gastierte erstmals mit seiner fiktiven Comic-Band Gorillaz in Österreich. Rund 10.000 Fans feierten in der Stadthalle eine apokalyptische Party.

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(c) AFP

Zum Mittelmäßigsten, was es an menschlichen Fantasien gibt, zählt jene von der eigenen Unsterblichkeit. Ehrlich angewidert davon können allerdings nur jene sein, die vom Starruhm gekostet haben. Als Kopf der Britpopband Blur tat dies Damon Albarn schon in jugendlichem Alter, sodass er Ende der Neunzigerjahre schon vom eigenen Verschwinden träumen konnte. Und so heckte er gemeinsam mit dem Comiczeichner Jamie Hewlett eine virtuelle Band aus, deren Figuren als Zielscheibe für die Projektionsgelüste der Fans herhalten sollte. Mit der perfekten zeichnerischen Mischung aus Kindchenschema und Weltuntergangsästhetik glückte es in zahlreichen Videos, das Leben zum schaurig-schönen Cartoonmärchen zu überhöhen.

Wenn diese dann im Kontext eines Konzerts abgespielt werden, sorgen sie für einen Schatten, in dem sich die Musiker recht wohl fühlen. Daher rührte wohl auch die Tiefenentspannung, mit der Damon Albarn über die Bühne der Wiener Stadthalle federte. Als er für den zweiten Song „Last Living Souls“ seine Gitarre wegstellte und sich dem Mikrofon zuwandte, brandete Jubel auf. Albarn singt wie kein anderer. Sein schläfriger Gesangsstil grenzt in gewisser Weise an Arbeitsverweigerung. So mundfaul, so kokett hinter den Beats intoniert sonst niemand in der weiten Welt des Pop. Umrahmt von geisterhaftem Heulen schleppte er sich in eine melancholische Schleife, die ewig dauern hätte können, so majestätisch klang sie.

Im englischen Sprachraum wird der weltmüde Sound der Gorillaz trefflich als „doomsday vibe“ bezeichnet. Ihr neues Album „Humanz“, um das es auf dieser Tournee vorrangig geht, geriet so dystopisch wie keines davor. „Those who fear music are dangerous“ steht groß im Booklet. Mit Ängsten zu jonglieren, das war immer schon die liebste Passion dieser Band. Ihre düsteren Befunde passen auf alles, was jeweils so ansteht an Angst. Rezession, Insektensterben, 9/1-Paranoia, Furcht vor IS-Terror oder Donald-Trump-Horror – egal, die Gorillaz führen unbeirrt zum apokalyptischen Tanz.

 

Eisige „Sex Murder Party“

So auch in Wien, wo sie eine famose Weltuntergangsnummerrevue mit ein paar Gästen, wie der rasant reimenden Londoner Rapperin Little Simz, gaben. Etwas gemessener im Tempo begeisterten die Amerikaner Jamie Principle und Zebra Katz mit „Sex Murder Party“, einem eisigen Elektropopsong mit Zeitlupenbeat.

Im Laufe der Jahre sind jede Menge Stars durch die abseitige Welt der Gorillaz geschlendert. Benjamin Clementine, Mark E. Smith, Lou Reed, Grace Jones. Live waren bislang nur wenige dabei. So etwa der 2014 verstorbene Soulsänger Bobby Womack. Als Geist ist er geblieben. Bei „Stylo“ ertönte seine mächtige Stimme, Albarn wandte sich der Leinwand zu, öffnete die Arme und genoss den konservierten gesanglichen Ausbruch seines späten Freundes.

Dass Albarn selbst ziemlich soulful singen kann, bewies er mit dem verschummerten „Busted and Blue“, einer Zukunftsfantasie, in der Menschen nur mehr Diener der digitalen Technik sind. Beim gleichfalls wenig gemütsaufhellenden „Tomorrow Comes Today“ ging es durchs nächtliche London. Albarn würzte hier mit einer herrlich naiv gespielten Melodica. Im großen Finale prasselten Hits wie „Feel Good Inc.“, „Clint Eastwood“ und „Demon Days“, kreierten Momente des Verzückens im Nebel der Sorgen. Der Lebensfreude in widrigen Umständen zum Durchbruch zu verhelfen, das ist wohl das größte Verdienst dieser Band.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.11.2017)

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