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Erster (und letzter?) Superstar der Dritten Welt

10.05.2011 | 18:10 |  SAMIR H.KÖCK (Die Presse)

Der Todestag des größten Reggae-Sängers Bob Marley jährt sich heute zum 30.Mal. Der Mann aus Jamaika, ist ein Symbol der Auflehnung geblieben, seine Anklagen gegen das „Babylon system“ wirken bis heute.

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Verschwörungstheoretiker kreiden Bob Marleys frühen Tod der CIA an, die schon früh über seine Aktivitäten Akten anlegte. Letztlich war es aber sein religiöser Glaube, der ihn vorzeitig ins Jenseits brachte. Schon 1977 hatte er ständig seinen rechten Fuß verbunden. Was als Fußballverletzung verharmlost wurde, erwies sich als Melanom. Medizinische Behandlung ließ er nur sehr eingeschränkt zu: Amputation war seinem Rastafari-Glauben nach ebenso verboten wie Bestrahlung oder Chemotherapie. Vier Jahre später hatte der Krebs metastasierte. Bei seinem Tod am 11. Mai 1981 war Bob Marley 36 Jahre alt. Aus einem ungebildeten Kind im Trenchtown-Ghetto von Kingston war ein Superstar geworden. Marley ist bis heute in der sogenannten Dritten Welt Symbol des Kampfes gegen Unterdrückung.

 

Kult um den Kaiser von Äthiopien

„We don't have education, we have inspiration. If I was educated, I would be a damn fool“, sagte Marley. Quelle seiner Bildung war der Rastafari-Glaube, der auf der „Holy Piby“ fußt, einer Umdeutung der Bibel, die den Schwarzen Vorherrschaft verspricht. Dazu kommen Elemente des Pan-Afrikanismus von Marcus Garvey und der Kult um den äthiopischen Kaiser Haile Selassie, von dessen Göttlichkeit die Rastafaris überzeugt sind. Ursprung war das 1919 von einem Reverend in Chicago geschriebene Buch „A Black Man Will Be The Coming Universal King, Proven By Biblical History“. Es mahnt, nach Afrika zu blicken, weil dort Jesus als Schwarzer reinkarnieren solle. Als 1930 Ras Tafari Makonnen alias Haile Selassie (Macht der Dreifaltigkeit) zum Kaiser von Äthiopien gekrönt wurde, hatten die Rastafaris ihren Messias gefunden.

„War“, einer der wirkmächtigsten Songs von Marley, fußt auf einer Rede, die Selassie 1968 vor der UNO hielt. Selassies Worte „Until the philosophy, which holds one race superior and another inferior, is finally and permanently discredited and abandoned“ ergänzt Marley mit dem kämpferischen „is war“. Wo Selassies Rede sanft mit der Vermutung endet, dass die von den Kolonialmächten formulierten Beteuerungen wieder nur Illusion seien, pocht Marley acht Jahre später auf kompromisslose Umsetzung. Zu kriegerischen Bassläufen beschwört er den Kampf – so lange, bis Gerechtigkeit zwischen den Rassen herrsche. Das kam in den Entwicklungsländern an, noch mehr bei den weißen Mittelschichtkids in den USA, Europa, Neuseeland und Australien, denen die Werte im Wohlstand verloren gingen.

Marleys frühe Gesänge waren noch ganz der Glossolalie der Holy Piby geschuldet. Erst in den 1970er-Jahren verfügte er über die gleichnishafte Rhetorik, die Lieder wie „Get Up, Stand Up“, „Revolution“ und „Them Belly Full“ zu Klassikern des Aufruhrs machte. Der in Jamaika geborene Musikproduzent Chris Blackwell, der sein Plattenlabel „Island“ flugs nach London transferierte, nachdem Jamaika 1962 in die Unabhängigkeit entlassen worden war, hatte wesentlichen Anteil daran, dass Bob Marley zum globalen Phänomen wurde. Er erkannte das Potenzial des sich aus Ska und Rocksteady neu entwickelnden Genres Reggae. Bei der Abmischung von „Catch A Fire“ (1973) fügte er eine rockige Gitarre und Keyboard-Overdubs hinzu. So wollte er den bis dahin nur mit Sommerhits aufgefallenen Stil für Rockfans interessant machen. Das Kalkül ging auf.

 

Exodus aus Babylon

Anfang der 1970er spielten Peter Tosh und Bunny Wailer bei Bob Marley. Beide verließen die Band, um solo Karriere zu machen. Eben durch diesen Verlust entwickelte Marley die Statur, die ihn zum ersten und bislang letzten Weltstar der Dritten Welt werden ließ. Sein Gesang wurde beseelter, die Melodien wurden attraktiver, die Texte politischer. „This morning I woke up in a curfew, oh god, I was a prisoner, too. Could not recognize the faces standing over me, they were all dressed in uniforms of brutality“ sang er auf „Burnin' And Lootin'“: eine kafkaeske Vision der Wehrlosigkeit des Einzelnen. Marley war noch von Angst beherrscht. Später, auf Alben wie „Natty Dread“ und „Rastaman Vibration“, wich sie einem kämpferischen Grundton. Da fühlte sich Marley schon als Revolutionär, später vielleicht gar als eine Art Prophet. Aus der vagen Repatriierungsidee Garveys machte er in „Exodus“ die Vision von der triumphalen Rückkehr ins gelobte Afrika: „We're leaving Babylon into our father's land, Exodus, movement of Jah people.“ Babylon ist in der Reggae-Metaphorik das herrschende Weltwirtschaftssystem. Auf seinem afrozentristischen Album „Survival“ klagt Marley es direkt an: „Babylon system is the vampire, sucking the blood of the sufferers.“

In seinem Idealismus für Afrika finanzierte sich Marley einen Auftritt bei den Unabhängigkeitsfeiern von Zimbabwe selbst. Damals wurde Robert Mugabe Premierminister. Dessen Wandlung zum Despoten musste Marley nicht mehr erleben. Auch nicht die wachsende Armut im postkolonialen Afrika. Seine Texte sind aktuell geblieben, sie bieten noch immer Trost und aufwieglerische Losungen – gerade in ihrer Vagheit: Wer könnte schon einen Satz wie „Rich man's heaven is poor man's hell“ widerlegen?

Soeben ist „Live Forever“ erschienen, ein Mitschnitt von Bob Marleys letztem Konzert am 23.September 1980 in Pittsburgh.

Bob Marley: 30. Todestag des Reggae-Idols

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.05.2011)

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2 Kommentare
Gast: schlÄchter
12.05.2011 10:07
0 0

sg herr redakteur köck!

gut recherchierter und informativer beitrag. danke.
mfg
s.

Gast: burning
11.05.2011 10:05
0 0

we'll be forever loving jah


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