Ludwig Hirsch: Dichter dunkelgrauer Lieder

24.11.2011 | 18:24 |  Von Barbara Petsch (Die Presse)

Der Sänger und Schauspieler Ludwig Hirsch starb mit 65 Jahren. Er war ein Satiriker, Poet, Mundartdichter, liebessüchtig und melancholisch.

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Der Diener Firs in Tschechows „Kirschgarten“ lässt sich nach der Abreise seiner Herrschaft im Haus einsperren und stirbt zum Klang der Äxte, die die Bäume fällen. Ludwig Hirsch spielte diese Rolle vor einigen Jahren grandios bei den Festspielen in Reichenau, wie auch den Weinberl in Nestroys „Jux“ im Volkstheater.

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Hirsch kam von der Bühne. Der Steirer, geboren 1946 bei Hartberg, Sohn eines Arztes, gründete zwar mit 17 Jahren eine Rockband, trat aber 1967 in die Wiener Schauspielschule Krauss ein, wo Fritz Muliar sein Mentor wurde. Hirschs Bühnenkarriere begann in Regensburg, führte bis ans Hamburger Thalia Theater und in die Wiener Josefstadt. 1977 präsentierte er erstmals eigene Lieder. Was machte Hirschs Stil aus? Er hatte viel von einem französischen Chansonnier. Er sang in einer Art artifiziellem Dialekt. Er wurde mit den Beatles und den Rolling Stones groß. Seine Lieder waren rau. Er behielt stets einen beiläufigen Balladenton bei, wurde nie laut oder schrill, nicht einmal bei den bösesten Botschaften.

 

Böser Klassiker „Die Omama“

„Die Omama“, um die man nicht trauern kann, weil sie den Hitler verehrte und den Buben, der ihre Knödel nicht aufessen wollte, mit dem Pracker schlug, bis er betete, ist eines der berühmtesten Lieder Ludwig Hirschs. Er konnte aber auch nett sein: „Gel, du magst mi“, selbst wenn, wie in einem anderen Liebeslied, die verehrte Unschuld vom Lande beim Kostümfest mit einem Affen davongeht. Dass sie später mit Flöhen aus Käfig sieben in Schönbrunn zurückkehrt, verleiht diesem Song eine surreale Note. „Weich fällt der Schnee“ im „Dorftrottel“. In „Spuck den Schnuller aus“ werden sämtliche Märchenfiguren durch den sprichwörtlichen Kakao gezogen: Gretel ist schwanger, die Hexe eine Engelmacherin und der Wolf ein Exhibitionist. Zum Austropop will der Fantast Hirsch nicht passen. Seine lautmalerisch-bissigen Texte erinnern an H.C. Artmann, André Heller oder Reinhard Mey. Für Wien schrieb Hirsch seine ersten Lieder. Er dachte nicht, dass er in Berlin und München landen würde. Dass dies gelang, ist auch verwunderlich, denn der österreichische Dialekt überspringt nur selten die Landesgrenzen. Hier bewährte sich, dass Hirsch nie sprachexperimentell abhob. Er etablierte sich als singender Misanthrop mit grimmigem Humor. Zweimal Platin errang er für die „Dunkelgrauen Lieder“ (1978) und noch einmal 1979 für „Komm, großer schwarzer Vogel“. Wie bei Qualtinger, Bronner wurden manche Sätze aus Hirschs Liedern, von denen sich einige leicht nachsingen lassen, zu geflügelten Worten: „Die sieben Raben, es waren nur sechs, die gute Fee, es war a Hex...“ Hirsch wirkte nie sehr jung. Der hagere Mann schien kaum zu altern, als Klassiker hatte er sich früh etabliert. Er war ein Original, kein Geschöpf aus der Marketingabteilung eines Tonträgerkonzerns. Seine Fans blieben ihm über Jahrzehnte treu, alterten mit ihm, freuten sich, wenn er im Kino oder im „Tatort“ auftauchte. Dass auch Junge ihn mochten, sieht man auf Facebook: „Ich werde dich vermissen“, notiert eine jugendliche Nicole mit Herzchen. „Franz Josef Degenhardt, Georg Kreisler und Ludwig Hirsch veranstalten jetzt die große Show auf Wolke 17“, schreibt ein anderer – was zeigt, wie weit gespannt Hirschs Kunst gesehen wird.

 

„Till Eulenspiegel“ voll Witz und Grimm

Hirsch hinterlässt ein beeindruckendes Gesamtwerk, vor allem seine Lieder von „Dunkelgrau“ bis „In Ewigkeit Damen“, einen Sammelband mit Texten („Ich weiß es nicht, wohin die Engel fliegen“), aber auch z.B. Hörbücher („Till Eulenspiegel“, „Weihnachtsgeschichten“). Er war auch ein beliebter Interviewpartner – kein Selbstdarsteller, sondern ehrlich, authentisch wie auf der Bühne. In einem dieser Gespräche erklärte er, das Fegefeuer sei die hiesige Welt: „Es geht uns besser drüben dann, wenn man das Leben halbwegs gut über die Runden gebracht hat.“ Das Ende scheint dennoch dramatisch gewesen zu sein: Hirsch stürzte sich, schwer erkrankt, Donnerstagfrüh aus einem Fenster des Wilhelminenspitals.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.11.2011)

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97 Kommentare
 
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Gast: ***follower***
30.11.2011 15:59
0 0

hannes neubauer

was macht eigentlich der hannes n.?
könnte er bei der beisetzung etwas spielen?
vielleicht würde das dem ludwig gefallen....

ludwig, R.I.P., lange genug hast du durchg'halten.
aufrichtiges Beileid an die Familie!
mfg

n.s.
... ein ehrenhalber gewidmetes Grab am Friedhof Gersthof?

Gast: mmmh
25.11.2011 18:24
0 0

erst

der kreisler, dann der hirsch. jetzt ist die welt um noch einen der besten tragisch ärmer geworden. es wird einem bang...

... ist dieses Ende inhuman?

...ich würde mir wünschen, dass man für den Fall, dass bei mir einmal eine unheilbare Krankheit und ein damit verbundenes baldiges Ende diagnostiziert wird, mir auch noch andere Möglichkeiten eröffnet werden, aus dem Leben zu gehen, als mich aus dem Fenster eines Spitals stürzen zu müssen.
Es ist unverantwortlich inhuman, dem todkranken Menschen alle anderen Möglichkeiten der willentlich entschlossenen Selbsttötung mit dem Hinweis auf eine angeblich humane Ethik zu verbauen.

Gast: harrykrischner
25.11.2011 11:30
0 0

adieu ...

... dem grossen ludwig hirsch. er war einzigartig!

Gast: Opfer 100
25.11.2011 11:28
0 0

Im Wilhelminenspital

läuft jeder Gefahr aus dem Fenster zu springen.

Antworten Gast: Valery
25.11.2011 15:50
0 0

Re: Im Wilhelminenspital

Unsinn! Dort sind wunderbare Ärzte und aufopfernde Schwestern. Habe gute Erfahrungen dort gemacht!

0 0

R.I.P.

Wenn ich all die Postings lese, dann wundere ich mich..! Er muß wohl wirklich ein besonderer Mensch gewesen sei.
Ich hab den Nachteil, "nur" seine Musik zu kennen. Seine menschliche Seite sollte ja eine besondere gewesen sein. Die Musik ist einfach nur super und spricht mir sehr oft aus der Seele.
Er wird uns fehlen; besonders der österr. Musikszene....

Gast: Helmut
25.11.2011 10:38
0 0

Schade

Mein Beileid der Familie, mein Kummer um das tragische Ende eines Menschen.
Und mein Mitgefühl für jene die ihn fanden und bergen mussten. Deren Schock muss unheimlich groß gewesen sein.

Gast: bergziege
25.11.2011 09:51
0 0

Es muss Ludwig Hirsch sehr schlecht gegangen sein,...

Traurig, dass er, der uns so schöne Lieder hinterlassen hat, einen derart schweren Abschied nehmen musste. Seine Familie braucht jetzt viel Kraft. ...

Gast: Tonus
25.11.2011 08:31
0 0

Alles klar?

Zu den Lobeshymnen auf den Tod eines Trällerers: Die Kleine Zeitung schreibt heute, daß L.H. gegen den faschistischen Mief inÖsterreich angesungen habe. Weitere Fragen

Antworten Gast: Michael Nordmann
11.12.2011 01:19
0 0

Re: Alles klar?

Ja wo denn?? Ich habe nichts davon gefunden, also bitte bei solchen billigen Kommentaren auch den entsprechenden Link dazusetzen - oder einfach KLAPPE HALTEN!
Ludwig Hirsch hat höchstens GEGEN Faschismus gesungen - anscheinend bist DU einer der wenigen Menschen, der seine Texte nicht verstanden hat, nicht verstehen wollte oder einfach zu blöd ist!

Danke Wickerl!

Man sieht sich.....

Gast: Garst
25.11.2011 00:08
2 0

Und dann fliag ma auffe mittn im Himml eine

Danke Ludwig Hirsch.

Mein Beileid an die arme Frau und Familie.

Gast: Bella-Donna
24.11.2011 23:54
2 0

Konsequent bis zum Schluss...

Komm großer schwarzer Vogel

jetzt wär's grad günstig!
Die anderen da im Zimmer schlafen fest
und wenn wir ganz leise sind

hört uns die Schwester nicht!
Bitte
hol mich weg von da!

Und dann fliegen wir rauf

mitten in Himmel rein

Danke für Deine Zeit mit uns! RIP

Gast: Mulo
24.11.2011 23:30
0 0

Machs gut

Danke für die schöne Zeit, mein lieber Freund

Gast: xxx
24.11.2011 23:24
0 0

er fehlt mir!



nie gekannt und doch so nah bei mir, ganz fest in meinem herzen!

Alles Gute da oben

ich hoffe du hast jetzt deinen Frieden gefunden!

Gast: Wuschu
24.11.2011 22:51
1 0

Danke!


Gast: Stoma
24.11.2011 22:51
1 0

Danke , für deine Lieder !

Die Schmerzen die er erleiden musste , verstehe ich !
bedauere nur , das es viel zu früh war !!
half mir oft über schlimme Zeiten !!
danke für Deine Lieder...werde sie immer wieder anhören...für mich der sensibelste Poet im Österreich !
Danke !!

Gast: paule
24.11.2011 22:29
2 0

RIP

Respekt für Deinen Schritt und Beileid für
die Hinterbliebenen. Warst a guada.


Gast: Siggi
24.11.2011 22:02
0 0

Servus, machs guat !!!!

Traurig! Wenn Menschen so aus dem Leben gehen müssen um endlich ihren Frieden finden zu können.

Ich liebe die Lieber von Ihm und werde sie mir immer gerne wieder anhören.

Lieber Ludwig, ich wünsche Dir, dass Du da wo Du jetzt bist ein besseres Leben findest.

Gast: omama
24.11.2011 21:11
1 0

ludwig du 'kleiner' schwarzer vogel

machs guat da oben, du warst einer der größten liedermacher im deutschsprachigen raum. warum muß ich die ganze zeit weinen...

Gast: Klaus Rüdiger Stern
24.11.2011 20:55
3 0

Tragisch

Tragisch, wie uns dieser Fall wieder einmal vor Augen führt, dass in Österreich "medizinisch hoffnungslose Fälle" aus dem Fenster springen, sich vor den Zug werfen oder erschiessen müssen.

Auch Herbert Fux musste seine letzten Stunden in der Schweiz in einer billigen Absteige verbringen, weil dieser scheinheilige D....staat nicht in der Lage ist, eine g`scheite Sterbehilfe für Sterbewillige zu erlauben, ich rede da gar nicht von "organisieren".

Das sind nur die prominenten Opfer und die waren noch fit genug für diesen letzten Schritt. In Österreich sterben jedes Jahr ca. 80.000 Menschen. Ungefähr ein Drittel krepiert fürchterlich ohne Chance, dieses Martyrium abzukürzen.

Im AKH lässt man alte und todkranke Menschen ohne Angehörige (die Beschwerde führen könnten) auf den Gängen "dehydrieren". Auch eine Art von Sterbehilfe, aber keine humane. Typisch für diese graussliche christlich geprägte Scheinheiligkeit in diesem Land.

Lieber Ludwig Hirsch: Vielen Dank & Alles Gute!

Vielen Dank für die nachdenklichen, melancholischen, schönen Lieder!

Vielen Dank für Deine Tiefsinnigkeit und Deine Sensibilität!

Alles Gute für Dich "in einer neuen Zeit, in einer neuen Welt"! (Komm großer schwarzer Vogel, Ludwig Hirsch)

Gast: trauriger Indianer
24.11.2011 20:34
0 0

Danke für viele bewegende Momente

A Elefant, a ganz a alter,
will nix sehen und nix mehr hören.
Und mit an ? ach ? so schweren
Seufzer,
legt er sich afoch hin zum Sterben.
Na, die Welt is nimmer seine,
gehört scho lang nimma mehr eam,
also bleibt halt nur das eine,
afoch niederlegen und sterben.
Afoch niederlegen und sterben.

Elefant, grauer Freund,
ich versteh Dich ja so sehr.
Milch und Honig san vorbei,
Paradiese gibt?s nicht mehr.
Nur mehr Staub in Afrika,
wohin man schaut, ka Alzerl Grün,
ja, hast recht, trauriger Riese,
mach die Augen zua und leg Di hin.
Mach die Augen zua und leg Di hin.

Und a riesengroße Seele,
die kriegt Flügerln, sagt: Baba.
Und mir kullert eine Träne
in den Staub von Afrika.
Oben am Himmel kreisen Geier,
es wir Zeit, für mich zu gehen.

Ich versprech?s Dir, großer Bruder,
werd da Welt von Dir erzählen,
werd da Welt von Dir erzählen.

----
Der Elefant - ein weniger bekanntes Lied von ihm
---
... mir kullert mehr als nur eine Träne in den Staub

Gast: Bua
24.11.2011 20:24
0 0

Muss das sein?

Da sitzen fünf Figuren in einer Kultur-Redaktion und glauben, dass, wurscht, wer jetzt gerade stirbt, sie ihren Senf dazu abgeben müssen. "Wir kennen uns ja überall aus". Entbehrlichst. Kann sich die Presse nicht einen Autor leisten, der über Hirsch tatsächlich was zu sagen hat? Oder lag der Nachruf schon vorgeschrieben bereit? Wie das so üblich ist. Erbärmlich! Ach ja, das heißt ja "Feuilleton", bei der Presse.

 
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