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Möchtegern-Punks und Spätzeit-Mods

26.11.2011 | 18:03 |  von Thomas Kramar (Die Presse)

Unter den Luxusneuauflagen sind auch alte Alben der Rolling Stones und der Who. Eine Einschätzung.

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„No Beatles, Elvis or the Rolling Stones in 1977“, riefen The Clash im besagten Jahr. Elvis hörte es wohl gar nicht mehr (er starb im August 1977), den Ex-Beatles war es eher egal, aber Mick Jagger ärgerte sich: Was erlaubten sich diese Punks, seine Stones in die Frühpension zu schicken?

„Some Girls“, das Stones-Album des Jahres 1978, wurde beim Erscheinen einhellig als trotziges Statement verstanden: Schaut her, ihr Punks, wir sind auch noch jung und frech!

Ironie der Popgeschichte: „Some Girls“ war ein Erfolg, aber nicht, weil die Rolling Stones damit bewiesen hätten, dass sie mit Punk resp. New Wave mithalten können. Nein, Jagger war es gelungen, einen anderen Zeitgeist zu beschwören: Disco. In „Miss You“ vermittelte er glaubhaft, dass er sich zumindest bemühte, das Saturday Night Fever zu spüren. (Wirklich gelang ihm die Mimikry erst 1980 auf „Emotional Rescue“, das überhaupt wesentlich schärfer und besser ist.) Die Dekadenz lag ihm sowieso. Die Versuche, provokant zu klingen und „die Gesellschaft“ zu verhöhnen, wirken dagegen eher gezwungen, geziertes Spucken in den goldenen Spucknapf. Im Rückblick erkennt man „Some Girls“ noch besser als das, was es war: das erste Album der Spätphase der Stones. Die Bonustracks (darunter ein klassisches Richards-Lamento) verstärken nur diesen Eindruck: Hier macht es sich eine Band in der Rock-Ewigkeit gemütlich.

Auf „Quadrophenia“ von den Who kommt zwar das Wort „punk“ vor (in der ursprünglichen, pejorativen Bedeutung), dieses Album ist natürlich nicht als Reaktion auf Punk zu verstehen, es ist bereits 1973 erschienen – als offenes Bekenntnis zur Nostalgie, zur Beschwörung der Vergangenheit in Leben und Kunst: ein Album mit Blättern aus dem Noch-immer-Dasein eines Mods, den die Geschichte überholt hat, ein im besten Sinn sentimentales Meisterwerk, mit klug eingesetzten Leitmotiven. Zugleich eine Hommage an den (englischen) Strand, an dem am Ende für den einsamen Jimmy die Liebe regiert (und regnet).

In den neuen Liner-Notes erklärt Texter Pete Townshend, wie richtig es war, offenzulassen, ob sich Jimmy ertränkt oder nicht. „As a jaded rock star without any rights to the travails of youth in the '70s and as an always nostalgic ex-Mod, I had a duty to let Jimmy decide for himself.“ Klug und lesenswert. Das Booklet mit den fantastischen Fotos aus Brighton wirkt im CD-Format freilich etwas ärmlich.

Sonst klingt „Quadrophenia“ in der neu abgemischten Version so kräftig und subtil wie eh und je (nicht besser, aber das hätte ja auch keinen Sinn); die Demos als Bonustracks beweisen nur zweierlei. Erstens, dass es sich manchmal auszahlt, an einem Album länger zu feilen. Zweitens, dass Townshend gut daran tat, nicht öfter selbst zu singen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.11.2011)

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