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Mit den Bee Gees in der traurigen Disco

04.02.2012 | 15:50 |  von Samir H. Köck (Die Presse)

Raue Stimme, überraschendes Comeback: Mark Lanegan, Ex-Sänger der Band Screaming Trees, über sein neues Album »Blues Funeral«, das ganz anders als ein herkömmliches depressives Singer/Songwriter-Album klingt.

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Es hat keinen Sinn, seine Melancholie stumm zu ertragen. Schon gar nicht, wenn man eine Stimme wie Mark Lanegan hat. Sein raues Organ ist das perfekte Vehikel dafür, die missvergnügten Gedanken seines Besitzers in die Welt zu tragen und damit (für manche unerwartet) Freude zu machen. Für Lanegan, den ehemaligen Sänger der Grunge-Band Screaming Trees, ist es wohl so ähnlich, wie es Leonard Cohen einst beschrieben hat: „I was born like this, I had no choice. I was born with the gift of a golden voice. And 27 angels from the Great Beyond, they tied me to this table right here in the Tower of Song.“

Nun meldet sich Lanegan nach sieben Jahren Pause wieder aus seinem Liederturm: Sein neues Album „Blues Funeral“ klingt ganz anders als ein herkömmliches depressives Singer/Songwriter-Album. Denn er hat seine Kompositionsmethoden geändert. Inspiriert von Elektronikgruppen wie Neu! und Kraftwerk schleppte Lanegan eine Menge neuer Gerätschaften ins kalifornische Studio, in dem er ein halbes Jahr lang nach striktem Stundenplan arbeitete. Nicht ganz so manisch wie Nick Cave, der ja Nine-to-five-Arbeitstage einhält, sondern moderat, zweimal die Woche je vier Stunden für das Tüfteln an neuen Songstrukturen mit Synthesizern und Keyboards.

Die glattere Anmutung von Songs wie „Ode To Sad Disco“ und „Harborview Hospital“ lässt Lanegans ehrfurchtgebietende Stimme noch gespenstischer klingen. An sängerischen Vorbildern nennt er im Gespräch mit der „Presse“ neben den alten Countryblues-Helden wie Son House oder Skip James teils überraschende Namen: „Eine Stimme muss mich in einen anderen Bewusstseinszustand führen. Meine Favoriten dafür sind Tim Hardin, Tim Rose und Tim Buckley, aber auch die Brüder Gibb.“ Er mag die Bee Gees!

Hommage an Rauschgifthändler. Wie aber kam er auf die Idee, einen Song zu schreiben, der Electrobeat und Gitarrentwang vereint, und ihn „Ode To Sad Disco“ zu nennen? „Das Stück ist dem dänischen Filmregisseur Nicolas Winding Refn zu verdanken. Seine ,Pusher‘-Trilogie über die kriminelle Szene Kopenhagens hat mir sehr imponiert. Im Soundtrack des zweiten Teils gab es dieses Instrumentalstück namens ,Sad Disco‘: Es war der Ausgangspunkt für meinen Song, meine spezielle Hommage an die Figur des Rauschgifthändlers.“

Ähnliche Charaktere dürfte Lanegan aus eigener Anschauung kennen. Aus der Zeit, in der er mit Kurt Cobain zusammenarbeitete. Damals leistete sich Lanegan jede Menge drogeninduzierter Abstürze, die schlimme Depressionen auslösten. Das prägte ihn: „Das mit Freude und Frohlocken in der Musik ist nicht so meines. Mich ziehen die dunklen Ränder magisch an.“ In seinen neuen Liedern tummeln sich Charaktere, die mit sich selbst hadern, es geht vor allem um Läuterung und Reue.
In „Bleeding Muddy Water“ fürchtet sich die Büßerfigur vor den himmlischen Fluten des Jüngsten Gerichts: „Celestial flood, you know I feel you in my iron lung.“ Im von Josh Hommes aufwühlenden Gitarren belebten „Harborview Hospital“ bereut Lanegan: „I heard the Agnus Dei; sisters of mercy, I've been gone to long to say; all around this place, I was sad disgrace.“ Zu diesem Lamento haben ihn wohl Erinnerungen an seine Aufenthalte in diesem am Capitol Hill in Seattle gelegenen Krankenhaus inspiriert.

Froh im Schattenreich.
Irgendwie scheint er all diesen grenzwertigen Erfahrungen eine Art Lust abzuringen. Besonders deutlich wird dies in der exzessiv zelebrierten Tristesse der „St. Louis Elegy“. Zur schummrigen Pathosorgel beginnt das unvermeidliche Kreisen um den eigenen Schmerz: „If tears were liquor, I'd have drunk myself sick“, heißt es da unverblümt masochistisch.

Jeder habe die Verpflichtung glücklich zu sein, forderte der französische Philosoph Emile-Auguste Chartier 1925. Lanegan kommt dem auf seine Weise nach: Seltsam froh überblickt er sein Schattenreich voller Zweifel und Selbstzerknirschung, fleht mit sonorer Stimme den Winterhimmel um jene Erlösung an, die die Liebe nicht einhalten kann. Denn auch in ihr lauert Gefahr, etwa im an der Oberfläche fröhlich groovenden „Gravedigger's Song“: „With piranha teeth, I've been dreaming of you. Je t'aime mon amour, comme j'aime la nuit.“ Konsequent.
Live: 22. 3. in der Arena Wien.

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