Gegen Anja Plaschg war Wolfgang Amadeus Mozart ein Merchandising- Amateur. Die nach ihm benannte Schoko-Marzipan-Kugel ließ der Meister ja andere erfinden. Und das auch noch lange nach dem eigenen Tod. Diese beiden Fehler wollte Plaschg, die sich als Musikerin Soap&Skin nennt, nicht machen. Gemeinsam mit dem legendären Herrn Zotter jazzte sie sich kürzlich ihre eigene Schokomarke. Selbstverständlich in Bio- und Fair-Qualität. Die wüste Rezeptur ist auf der Zotter-Website nachzulesen: „Schwarzkümmel verbirgt sich unter einer Creme aus weißem Mohn und weißem Weihrauch, gefolgt von einem Gelee aus dichtem Rotwein, im Zentrum einer altrosa Rübencanache mit Schweineblut. Blaue Kornblumen legen sich zu schwarzem Sesam auf die Decke einer dunklen Schokolade, hergestellt in der Tradition der Indianer.“
Weihrauch und Grusel. Wer würde da noch behaupten, dass nicht auch Lebenslust auf der Prioritätenliste der 21jährigen Goth-Queen aus dem steirischen Gnas stünde? Womöglich jene Unverständigen, die sich bei der mit viel Brimborium angekündigten Soap&Skin-Performance in der Wiener Arena mit Feuer- oder Zuckerwasser laben wollten? Vergeblich! Die Bar war nämlich auf Wunsch der sensiblen Künstlerin geschlossen. Die legalen Drogen waren demnach die erwähnte Schokolade, reichlich von der Bühne wehender Weihrauch und die so schön gruselige Musik dieser kindgleich grausamen Künstlerin, deren Zerbrechlichkeit ganz sicher gleichzeitig ihre Robustheit darstellt. Ganz im Sinne von Heinrich Kleists Diktum: „Der Sturm weht den Baum um, aber nicht das Veilchen.“
Aus solch windgeschützter Position wies die holde Endzeitlerin den Weg aus der konventionellen Spaßgesellschaft. Als ersten Song hatte sie sich das gallige „Deathmental“ vorgenommen. Die Beats grollten aus dem Laptop, Plaschg wuselte hinter dem zentralen Standmikrofon herum und lockte mit gebieterischer Stimme ins wohlige Schattenreich. „Life lays in your heart like in a coffin, stop faking suffering like a child.“
Das Leiden ist bei Soap&Skin zweifellos in der Adults-only-Sektion angekommen. Spätestens seit den Projektionen ihres Mentors Fritz Ostermayer, der einen hochmögenden Text fürs Booklet der neuen CD „Narrow“ ablieferte, scheint Plaschg aber in einem schmerzhaften circulus vitiosus aus Altmännererwartung, Erwartungsenttäuschung und Enttäuschungsverarbeitung durch eine neuerliche Radikalisierung der Erwartung gefangen.
Hochfliegende Pläne. Immer hochfliegender geraten die Pläne, an deren Ende doch stets die Unzufriedenheit lauert. Dabei ist das, was sie trotz ihres offensichtlich permanenten Gefühls des Versagens produziert, erstklassig, wenngleich weniger sensationell als es die unermüdlichen Schürer des Soap&Skin-Hypes glauben machen wollen.
Gerne verzieh man dieser auch international willkommen geheißenen Untergangsprophetin die paar fahrigen Passagen, die entstanden, weil offensichtlich die Monitorboxen nur mangelhaft funktionierten. Den Großteil des Abends exekutierten die Musiker das weltabgewandte Liedgut höchst elegant. Was bei der Anzahl an Akteuren nicht von vornherein garantiert war. Diesmal war Plaschg mit Streichern, Chor und einem Flügelhornvirtuosen, insgesamt 14 Menschen, angetreten. Das verhalf zu strategisch klug gesetzten, gewaltig aufwallenden Crescendi, die allerdings manchmal ein bisserl ins Musicalhafte abdrifteten.
Verlässlich groß war die Performance immer dann, wenn sich Plaschg ganz auf sich alleine verließ. Etwa beim hoffnungslosen „Lost“ oder beim anrührenden „Cradlesong“, die sie beide solo am Yamaha- Flügel gab. Es waren dies sanfte Zeugnisse einer entzauberten Zeit, in der nichts als entfremdete Beziehungen walten: „Foreign what my lips say, foreign my hair, my dress; foreign what your eyes ask about this strangeness.“
Beim schon etwas abgehangenen, deshalb um so zwangloser mit Sakralklängen tändelnden „Vacuum of God“ erreichten Chor und Streicher glückselige Höhen. Die Welt ist die Hölle, aber es gibt Trost, die Gnade der Empathie und Liebe, die nicht selten gleichbedeutend mit glückseliger Ich-Auflösung ist. Eine Vermutung, die die Lyrics des gleich danach gespielten, wunderbar elegischen „Cynthia“ bestätigte.
Anflüge von Exzentrik. „Hi, I'm losing myself in you“ hauchte Plaschg. Und Martin Eberle half ihr, die sich nur zu gerne hingebenden Fanherzen mit einem höchst melodischen Flügelhornsolo zu erobern. Zu Soap&Skin-Konzerten kommen ja nur Die-Hard-Verehrer(innen). Die hängen dann andächtig an den Lippen ihrer Heldin, warten begierig auf jene kleinen Anflüge von Exzentrik, die andere als Manieriertheit ablehnen.
Einmal störten Plaschg am Bühnenboden abgelegte Handschuhe, dann erstarb ihr kunstvoll die Stimme. Vermeintlich verstört verließ sie später zwischendurch jäh den Saal, um kurze Zeit darauf erstaunlich vital dem garstigen „Thanatos“ zu huldigen. „Ages of delirium, curse of my oblivion“ schrie sie mit der besten ihrer Nico-Stimmen in die auf sie von der Streichersektion hereinbrechenden Mollfluten.
Vor diesem Ausbruch war mit dem ergreifenden Trauerlied „Vater“ innigstes Gefühl angesagt. „Wo immer ich aufschlage find' ich dich. Du fällst als Schatten der Tage als Stille und Stich. Ich trink auf dich dutzende Flaschen Wein und will doch lieber eine Made sein.“ Es folgte das poetische Bild vom Einsturz des Sarges, dem Moment, wo die Blumen in die Wangen des geliebten Verstorbenen fallen. Selbstverständlich stilecht mit ersterbender Stimme gesungen. Das war der Moment, in dem der empathische Fan normalerweise Prozac auf die Bühne wirft. Das unterblieb an diesem Abend.
Am Ende von „Vater“ ertönte eine Stimme, die irgendwas von „großem Saubauer“ verlautete. War das ein Hauch von in Schrecklichkeit eingebetteter Ironie?
Disco-Hit in Grabesversion. Zum vorsichtigen Schmunzeln war allenfalls Plaschgs Grabesversion des alten Desireless-Disco-Hits „Voyage Voyage“ geeignet. Abgesehen davon regierte mentale Dunkelheit. „Damit das Bewusstsein eine gewisse Intensität erreicht, muss der Organismus leiden“ befand Emile Cioran, der philosophische Schutzherr aller Melancholiebegabten einmal.
Interessant wird sein, woraus Plaschg schöpft, wenn sich ihre Leiden vielleicht eines Tages aufgelöst haben werden. Das passiert ja zuweilen. Ein gutes Beispiel ist der amerikanische Poptragöde Mark Oliver Everett. Nach Jahren der Tristesse erwachte er eines Tages als ein anderer. Sein euphorisches Himmelfahrtsalbum „Tomorrow Morning“ dankte dieser wundersamen Verwandlung: „Oh so lovely, I feel my heart changin' in mysterious new ways; Oh so lovely, now how can I tell you how grateful I am.“ Dass man das Paradies nicht lebendig erreicht ist klar, aber ein bisserl eine innerweltliche Erlösung wäre Anja Plaschg schon zu wünschen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.02.2012)
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