Der Ober-Mod mag keine Nostalgie

05.04.2012 | 16:38 |  Von Samir H. Köck (Die Presse)

Paul Weller, seit seiner Band „The Jam“ (ab 1976) Leitfigur der britischen Mods, könnte diese enttäuschen: Sein neues, entschieden elektronisches Soloalbum „Sonik Kicks“ bringt psychedelischen Elektronik-Rock.

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Mögen langdienende Fans aus der nostalgieverliebten Mod-Fraktion auch wehklagen, ihr alter Held Paul Weller hat sich einmal mehr neu erfunden und offenbar recht damit getan: Sein krachiges, entschieden elektronisches elftes Soloalbum „Sonik Kicks“ ist unmittelbar nach Veröffentlichung an die Spitze der britische Hitparade geschnellt.

Der Mann arbeitet hart, sehr hart für sein sich ständig erneuerndes Publikum. Diese strenge Ethik hat ihm sein Herr Papa, der eine Zeit lang auch als sein Tourmanager fungierte, anerzogen. Nicht einmal nach Konzertende darf ein Weller lockerlassen. Das Haus verlässt er sowieso nur frisch gekampelt, mit sauberem Kragen und den schärfsten Bügelfalten in der ganzen Gasse. Aber irgendwann schlägt das Alter zu und das Sichaufbrezeln beginnt schwerer zu fallen: Im soundmäßig widerborstigen „That Dangerous Age“ zeichnet Weller ein unerfreuliches Bild des Alterns. Seine Stimme kommt aus dramaturgischen Gründen aus den Tiefen eines Verzerrers: „And when he wakes up in the morning, it takes time to adjust, so sick and tired of the money and all the life that he's lost.“ Dazu klatschen Hände, ächzen Synthesizer, wurlt ein Beat unangenehm wie Donner in einem Talkessel. So aufgeregt klangen die Songs von David Bowie zu Zeiten von „Scary Monsters“, seiner letzten  Botschaft, bevor er künstlerisch verstummte.

Mit 54 in einen dritten Frühling

Weller hat auch schon ganz schön viel Zukunft verbraucht. Das bisserl, das dem bald 54-Jährigen bleibt, soll seinem Willen nach auch danach schmecken. Die Idee der Nostalgie verstehe er nicht, beteuert er dieser Tage oft trotzig, beharrt darauf, dass es ihm derzeit nur um die Gegenwart gehe. Und wirklich, seine Lieder reflektieren in aller Farbenpracht, Energie und Schrägkeit das Wunder seines dritten Frühlings. Statt geradlinigem Rock oder kuscheligem Folk verlustiert sich Weller in Krautrock-Lärmkaskaden und verrauchten Dub-Elegien, durchmisst traumwandlerisch ungewohnte elektronische Sphären.

Die grundsätzliche Stimmung ist upbeat: Der Mann ist happy und zeigt es auch. Das war nicht immer so. Gerade vorm Glück hatte er immer ein wenig Angst. Wie Paolo Hewitt vulgo Cappuccino Kid in seinem nicht autorisierten Weller-Buch „The Changing Man“ erzählt, stellte Weller vor 25 Jahren seiner damaligen Frau, der Sängerin Dee C. Lee, oft die Frage: „Is this real? Are we allowed to be this happy?“ Seit Kurzem tut er es nicht mehr. Seine neue Herzdame heißt Hannah Andrews, ist gerade 25 Jahre alt und hat ihm heuer im Jänner die Zwillinge John Paul und Bowie geboren. Nachdem Weller der Name Bowie bisher nie eingefallen ist, wenn er seine Vorbilder nannte, liegt die Vermutung nahe, dass Hannah ihren Paul auf neuen musikalischen Trip geführt hat.

So vergaß der Modfather einmal seine alten Helden Steve Marriott und Ray Davies und freundete sich mit der Ästhetik des androgynen Schwindelprinzen David Bowie an. Auf überraschend souveräne Art glückte dieser Soundtransfer auf Songs wie „Green“ und „Around The Lake“. Das Gros der psychedelischen Pasticcios basiert auf Skizzen von Simon Dine, dem ehemaligen Mastermind von Noonday Underground, einer kurzlebigen Londoner Band, deren Konzept es war, die Sixties mithilfe von gesampelten Loops wiederauferstehen zu lassen. Abseits dieser mutig ausfransenden Klangszenerien erfreuen auch trockene Weller-Soul-Sounds wie „The Attic“. Das rasant peitschende „Kling I Klang“ ist hingegen eine ehrgeizige Hommage an Scott Walker, das mystisch anmutende „Drifters“ hat als Ausgangspunkt gar John Coltranes „Olé“. Der verschleppte Melodika-Reggae „Study In Blue“ zaubert ein Idyll herbei. Weiße Katze im Garten, die Tulpen blühen, die Vögel zirpen, ideale Voraussetzungen für eine Frohbotschaft. Paul und Hannah singen sie unisono: „Everything I've ever wanted, is inside of you.“ Mehr geht nicht. Die Exfrauen werden toben.

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1 Kommentare

Bowie

Bowie als "androgynen Schwindelprinzen" zu bezeichnen, der nach "Scary Monsters" künstlerisch verstummte, ist wohl sehr dick aufgetragen. Leider scheint das Vorurteil, dass mit Bowies 80er Mainstream-Abwegen - die er auch selbst kritisch bis vernichtend beurteilt - für diesen alles vorbei war, immer noch sehr weit verbreitet zu sein. Er hat auch in den 1990er- und frühen 2000er-Jahren eine Menge künstlerisch Hochwertiges geschaffen, wie z.B. die Alben "1.Outside" und "Heathen".
Das hat sich offensichtlich noch nicht allzu weit herumgesprochen... aber bis zu einem renommierten Musikkritiker in einer ebensolchen Zeitung sollte es doch schon durchgedrungen sein.

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