Wienerlied heute: Die Strottern im Pizzicatogewitter

Zwischen Jazz, Pop und Folklore: Die Band stellte ihr wunderbares neues Album „Wia tanzn is“ im Wiener Stadtsaal vor. „Die Stotterer“ zählen heute zu den großartigsten Formationen österreichischer Zunge.

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(c) Lotus Records

Wenn er nicht gerade auf Wein und Logis beim Heurigen ist, zählt das Sich-tot-Stellen zu den bevorzugten Lebenstechniken des Wieners. Die Strottern fallen da aus dem Rahmen. Sie singen weder über das Räuscherl, noch den Schwül, noch den Damenspitz. Stattdessen erweitern sie frohgemut die Formensprache des Wienerliedes um Elemente des Jazz und progressiven Pop. Violinist und Sänger Klemens Lendl und der Gitarrist David Müller haben sich kürzlich verstärkt: Mit einem alten Harmonium und durch „Blech“, in Gestalt von Trompeter Martin Eberle und Posaunist Martin Ptak. Lendl bedankte sich zu Beginn beim stets hintersinnig poetisch agierenden Peter Ahorner für dessen Texte, die sie in ihren frühen Jahren erst dazu inspirierten, Profimusiker zu werden.

Heute zählt das Duo, das sich tapfer in stets neue musikalische Kontexte stürzt, zu den großartigsten Formationen österreichischer Zunge. Heuer wurden sie mit dem Deutschen Weltmusikpreis ausgezeichnet: Mag der Wiener Dialekt in Darmstadt und Duisburg auch wie Nordafrikanisch klingen, die Musik der Strottern wird geschätzt. Natürlich auch hierzulande. Der Abend ward eröffnet mit „Zum Beispiel“, einem Lied, das aus Daniel Glattauers Feder stammt. Nicht bloß der Text, sondern auch die halbe Musik! Ein elegisches Posaunenintro führte in dieses Lamento auf Glaube, Liebe und Hoffnung, das unerwartet zuversichtlich endet: „I brauch nur an guatn Lauf, die Hoffnung gibt mi schon net auf.“ In der Kunst der Strottern, egal, ob sie einen fremden oder eigenen Text vertonen, erspart man sich jede Form von Weltverdruss-Rhetorik. Es regiert mild dargebrachter Humor, eine unverstellte Liebe zu Frauenspersonen und die konsequente Verachtung von Bigotterie. Optimal in Fasson gebracht in dem Lied von der Dame, die ihren Verehrer nichts als knien lässt, obwohl er so auf sie steht. Es heißt sinnigerweise „Liturgie“ und endet in einer ausgelassenen Parodie auf Gospelmessen.

Obwohl Lendl gern andere Dichter lobt, ist er selbst ein ganz großer Songlyriker. In „Tänzer“ klagt er mit wenigen Worten jene an, die erst kassieren und dann fragen, was ihre Leistung war: „Oschdauba, Schwizza, Schweindalpartie, oin is ollas nix weat, da Gigl, da Gogl und die Goldmarie, a jeda greifd hin.“ Höhepunkte der Galavorstellung waren „Wia tanzn is“, eine Hommage an die Langzeitbeziehung und die kühn scheppernde Version der Tom-Waits-Ballade „All The World Is Green“. sam

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