Ein unheilvolles Gemisch aus Völkerpsychologie, Milieustudie und Hand-, Kaffeesud- und Horoskopleserei führt alljährlich zum Sieger des Eurovision Song Contest. Heuer glaubten viele, zunächst einen Trend zur Gerontophilie ausmachen zu können. Der 76-jährige Engelbert, britischer Earl of Schnulz, und die nur unwesentlich jüngere russische Girlgroup Buranowskije Babuschki zählten zu den Favoriten – und unterlagen.
Engelbert vermochte seine Botschaft „Only Love Can Set You Free“ so gar nicht glaubwürdig zu vertreten. Wenn man in diesem Alter noch an die Liebe glauben muss, dann ist etwas falsch gelaufen. Die Babuschki gaben sich hingegen weniger pathetisch und luden, fröhlich die Glieder zum Technobeat schlackernd, zur „Party for Everybody“. Nach ihrer nur ganz klein wenig arthritisch getanzten Blini-Back-Show reichte es immerhin für Platz 2.
Gewonnen hatte am Ende die Favoritin, die so schön unschwedisch aussehende Loreen. Während die russischen Partyomas unmittelbar nach der Veranstaltung wohl das eine oder andere Fass öffneten, bestand die marokkanischstämmige Schönheit auch nach ihrem Triumph darauf, „kein Party-Chick“ zu sein.
Die als Lorine Zineb Noka Talhaoui in Stockholm geborene Sängerin war mehr nach Message als nach alkoholischer Magennervenmassage. Sie hatte als einzige Teilnehmerin Kontakt zu politischen Aktivisten in Baku. Sie traf Protagonisten der Menschenrechtsbewegung „Sing for Democracy“ ebenso wie Frauenrechtsaktivistinnen. Die Gastgeber interpretierten dies als Eklat und zitierten den schwedischen Botschafter auf eine Abmahnung ins Außenministerium. Loreen blieb kämpferisch – auch, als sich am Ende 372 Punkte auf ihrem Konto ansammelten. Nichts weniger als „die Freiheit“ symbolisiere ihr wilder, barfüßig getanzter Waldelfentanz.
Bloß ihr Lied „Euphoria“ war entgegen anderslautender Beteuerungen des schwedischen Delegationsleiters nicht wirklich originell. In ihm verband sich das Bombastpathos von Florence & The Machine mit Effekten, die man längst von anderen R&B-Größen kennt. Die Art, wie Loreen die Zeile „I'm going up, up, up, up“ intonierte, war eindeutig Rihanna geschuldet, die das im Pop lange unterschätzte Meckern längst zu einem ihrer Markenzeichen gemacht hat.
Origineller war da schon Loreens modisches Statement, mit dem sie voll auf Boheme-Chic machte. Wer unbedingt das Tiefe im Seichten der ambulanten Orakelstätte Songcontest ausmachen wollte, der konnte heuer einen ungewöhnlichen Trend lokalisieren: Vielen Teilnehmern konnte man die Herkunftsländer nicht unbedingt ansehen.
Neben der arabisch-berberischen Siegerschönheit aus Schweden rangen ein iranischer Norweger, eine kongolesische Ukrainerin und in der Vorrunde immerhin ein chinesischstämmiger Mühlviertler nach Zuspruch.
Diese Entkoppelung von Physiognomie und Nationalität war ein erstaunlich politisches Statement für eine Veranstaltung, die, ähnlich stur wie die Formel 1, auf apolitischer Ausrichtung besteht.
Einzig die Jurys aus Schweden und Finnland ironisierten die bombastische Selbstdarstellung des autoritären, aserbaidschanischen Regimes. Und die Deutsche Anke Engelke nützte ihre Redezeit bei der Punktevergabe gar, um für das Prinzip der Wahlmöglichkeit zu werben.
Am Ende herrschte (beinah) allseits Wonne. Die großartige, albanische Gesandte Rona Nishliu sorgte mit „Suus“, dem originellsten Lied des Wettbewerbs, zu gleichen Teilen für Entzücken und für Ohrenbluten. Das unerforschliche Orakel, das dieser Tage aus einer Mischung von Televoting und Juryentscheid gesprochen wird, platzierte die Zopfmedusa mit ihrer abenteuerlichen, gesanglichen Selbsterforschung letztlich auf den respektablen fünften Platz. Sie wird im Gedächtnis bleiben, wie wohl auch die sympathische Siegerin Loreen.
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