Nova Rock: Metallische Traditionsmaschine

Metallica beendeten das burgenländische Rockfestival mit dem Rückgriff auf ein klassisches Album. Und James Hetfield trug seine „Kutte“, diese ärmellose, mit zahllosen Bandaufnähern übersäte Weste, mit Würde.

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(c) AP (Mark Allan)

Metal ist heute meist auch Brauchtumspflege, das Verwalten alter Werte. Am letzten Tag des Nova- Rock-Festivals gelang auf der Hauptbühne gegen Ende hin eine Programmierung, die zwar Etabliertes fortführte, dabei aber immerhin ansatzweise neue Möglichkeiten erprobte. Etwa die Band Mastodon aus Atlanta, Georgia, die ihren Zeitlupen-Rock mit nervös hakenschlagenden Anleihen bei Jazz-Core durchsetzte.

Nova Rock: Stürmische Zeiten und Konzertabbruch


Oder Slayer, die noch bei Tageslicht (was zu ihrem Habitus nicht wirklich passte) schon weit mehr Publikum vor die Bühne locken konnten. Die kalifornische Band Slayer gehört neben Anthrax, Megadeth und Metallica zu den „Big Four“ des Thrash Metal, einem Metal-Subgenre, das vor allem durch hohe Geschwindigkeit und schneidende Energie besticht. Slayer ist mit Texten über Folter, Massenmord und Sympathie für den Teufel die radikalste dieser vier Bands; musikalisch ist sie wohl die beste: Ihre Handwerkskunst ist martialisch und präzise zugleich. Ein Höhepunkt, wenngleich man derlei Musik vielleicht gerne bei etwas größerer Lautstärke erlebt hätte.

Nach der finnischen Band Nightwish, die sich mit ihrem symphonisch aufgeladenen Metal teils gefährlich weit in Gegenden handzahmen Hardrocks vorwagte, war mit Metallica wieder Zeit für eine härtere Gangart – bei gleichzeitigem Massen-Appeal. Das Quartett aus Los Angeles scheint den Trend zur Retromania schon vor sechs Jahren auch im Metal vorausgeahnt zu haben und hat so 2006 zum zwanzigjährigen Jubiläum ihres Albums „Master of Puppets“, das immer wieder als dieses eine mögliche „beste Metal-Album aller Zeiten“ gehandelt wird, dieses zur Gänze live aufgeführt. Seine aktuelle Tour steht nun im Zeichen des schlicht „Metallica“ betitelten Albums aus dem Jahr 1991: Dieses „Schwarze Album“ ist, was Breitenwirksamkeit anbelangt, zweifellos der Klassiker im Katalog von Metallica, wenngleich ein umstrittener: Mit ihm überschritten Metallica den Rubikon zum Kommerz, was für nicht wenige Fans – erwartungsgemäß, weil ja früher immer schon alles besser gewesen ist – eine abzulehnende Verweichlichung darstellte. Heute hält das Album bei über 25 Millionen verkauften Stück, 1991 war es ähnlich wie die im selben Jahr erschienenen Alben „Nevermind“ von Nirvana und „Use Your Illusion“ von Guns'n'Roses eine der Platten, die kaum in einem Haushalt fehlen durften, in dem Gitarren nicht komplett verpönt waren.

Von hinten nach vorn gespielt

Bei aller Liebe zur Werktreue muss ein Konzert dann doch ein oder zwei Überraschungen bereithalten. So läutete die Band ihr Konzert mit einem fünf Stücke starken Set aus albumfremden Songs ein, darunter die Evergreens „Master of Puppets“ und „Hit the Lights“ – gerüchteweise der erste Song überhaupt, den Frontmann James Hetfield und Drummer Lars Ulrich gemeinsam geschrieben haben – und das vergleichsweise frische Stück „Hell and Back“, das der einzige neue Song bleiben sollte.

Nun ist das „Schwarze Album“ von Metallica ein sehr gutes, aber kein perfektes; vor allem dramaturgisch fällt die zweite Hälfte der Platte mit Ausnahme des Überhits „Nothing Else Matters“ etwas ab: Deshalb spielt die Band das Album auf Tour nicht vom ersten bis zum letzten Song, sondern in umgekehrter Reihenfolge. Ein kleiner Kniff, immerhin. So spitzte sich das Konzert gegen Ende hin auf Höhepunkte wie „Unforgiven“, „Sad But True“ und, zum Schluss, „Enter Sandman“ (sozusagen das „Smells Like Teen Spirit“ von Metallica) zu. Große Überraschungen gab es nicht: Diese Band läuft rund wie eine Maschine, sie „funktioniert“ wie eine Firma, ein Betrieb, eine Fabrik, in der die Fließbänder nie stillstehen.

Nach dem regulären Set schlossen die Zugaben „One“ und vor allem „Seek and Destroy“ von „Kill 'Em All“, dem ersten Album von Metallica, den Abstecher in die Vergangenheit ab. Während des Konzerts trug Sänger und Gitarrist James Hetfield eine „Kutte“, diese ärmellose, mit zahllosen Bandaufnähern übersäte Weste, die eines der traditionellsten Metal-Insignien darstellt. Sie gehört stilistisch tief in die Achtziger – in die Zeit, als die Metal-Männer noch lange Haare hatten. So diente dem 48-jährigen Hetfield seine Kutte zugleich als modisch-ironisches Hip-Statement des Jetzt und als Dokument seines tiefschürfenden Traditionsbewusstseins.

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