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Iggy Pop liebt Französisch

15.06.2012 | 18:42 |  SAMIR H.KÖCK (Die Presse)

Der Ahnherr des Punk singt jetzt Balladen: Auf „Après“ singt er Klassiker von Serge Gainsbourg, Frank Sinatra und Louis Armstrong. Mondän!

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Die aparte brünette Chansonnière Françoise Hardy stand bei den Musikern der Sechziger- und Siebzigerjahre weit höher im Kurs als die französischen Paradeblondinen wie Brigitte Bardot. Bob Dylan schmachtete Hardy in Gedichten an, sang ihr während ihres einzigen kurzen Treffens 1966 backstage im Pariser Olympia sein drängendes „I Want You“ vor.

Vergeblich. Auch der britische Folktragöde Nick Drake blieb ohne Erfolg. In einer romantischen Aufwallung reiste er an die Seine und kratzte unangemeldet an Hardys Türe. Keine Reaktion. Es bedurfte schon eines Iggy Pop, um die Schleusen zum Öffnen zu bringen. Die komplexe Persönlichkeit dieses Ahnen des Punk, der sich bei seinen wüsten Auftritten gerne an der Brust aufschneidet und den ausgezehrten Leib gegen die Lautsprechertürme wirft, hat ja eine nicht so bekannte taghelle Seite. Schon während seiner Schulzeit in Ann Arbor fiel er durch Intelligenz, Geltungsdrang und ausgeprägten Charme auf. Eine Zeit lang wollte er sogar 43.Präsident der USA werden.

 

Das Sublime und das Triebhafte

Seine weltoffene Grundhaltung lenkte Iggy Pop in den letzten 15 Jahren konsequent zur französischen Kultur, die so unangestrengt das Sublime mit dem Triebhaften zu verbinden versteht. Er liest gerne die subversiven Schriften eines Michel Houllebecq, er genießt die französische Jazzaffinität und liebt das Chanson. Gar nicht überraschend geben sich die Chansonsängerinnen ganz vernarrt in dieses Wechselspiel von Gefährlichkeit und Bravheit, wie es Iggy Pop bietet.

So sang Françoise Hardy nicht nur hinreißend den alten Jazzschlager „I'll Be Seeing You“ mit Pop, sondern briet ihm privat gleich ein Chateaubriand, ein Doppellendensteak. Auf die Verwandlung von Aminosäuren in L'Amour versteht sich der flotte 65-Jährige halt immer schon. Jüngst tänzelte der einstige Polytoxomane tapsig an der Seite der ihn um einen halben Kopf überragenden Kitschsängerin Arielle Dombasle. Gemeinsam piepsten und brummten sie den patinierten Andrew-Sisters-Hit „Rum And Coca Cola“, versuchten einander belustigt in punkto Tussihaftigkeit zu übertreffen. Dramatischer gab er sich mit Sängerin Ayo. Während sie ihr glockenhelles Organ locker zur Entfaltung brachte, französelte Iggy Pop mit eher schwerer Zunge. Und doch entpuppten sich seine Laute am Ende in würdiger Weise als Brels „Ne Me Quitte Pas“. Ja, die Damenwelt liebt es, wenn sich dieses Punkrockmonster durch die kühne Metaphernwelt des Chansons schnurrt.

Das bedenkt Iggy Pop seit einigen Jahren auch bei seinen Plattenaufnahmen. Schon das letzte Werk „Préliminaires“ bezirzte. Mit den Liedern seines neuen Albums „Après“ erreicht er noch erstaunlichere interpretatorische Höhen auf dem Gebiet der Ballade. Es beginnt mit einer immens beseelten Version von Joe Dassins „Et Si Tu N'Existais Pas“, einem Hohelied auf die schwierige Kunst des Sich-Entliebens. Pop fühlte sich perfekt in diese hoffnungslose Szenerie ein. Umschmeichelt von den Stimmen der Backgroundsängerinnen Lucie Amie und Sara Fimm gibt er sich standhaft und verweigert jedes Bedauern. Ein weiteres Trennungslied stammt aus der Feder von Yoko Ono. Stolz bedankt sich der Protagonist von „I'm Going Away Smiling“ bei der undankbaren Geliebten für die Erinnerung, die ihm nun bleibt.

Munter stapfte Pop auch auf das Terrain des Jazz. Nachdem er 1999 für sein Album „Avenue B“ noch mit Modernisten wie Medeski, Martin & Wood gearbeitet hatte, hat er zuletzt seine erstaunliche Liebe zu Louis Armstrong entdeckt. Sein herrlich illusionäres „La Vie En Rose“ orientiert sich ganz an der rustikal swingenden Version von Satchmo. Andere Highlights dieser famosen Liedersammlung sind zarte Deutungen von Henri Salvadors „Syracuse“, Paul McCartneys „Michelle“ sowie Fred Neils „Everybody's Talkin'?“. Es sind Lieder, in denen das Gegenwärtige schon als Vergangenes erlebt wird. Solcher Melancholie nimmt sich Pop nicht aus Altersmildheit an. Er weiß um die subtile Subversivität dahinter.

Und da wäre noch die Inbrunst seiner Stimme. Mit ihr streut dieser Mann mit dem Hang zur Hemdenlosigkeit nach wie vor beträchtliche Sexualzeichen aus. Abseits seiner immer noch praktizierten Teilhabe am großen Staub des Rockzirkus (im Sommer gastiert er mit den Stooges auf europäischen Festivals) hat er sich mit „Après“ sein Refugium in der mondänen Flitterwelt des Pariser Cabarets gesichert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.06.2012)

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3 Kommentare

wer

nicht?

Gast: jou
16.06.2012 13:49
0 0

jö bum

Der Osterberg weiß auch nimmer was er will...bedenklich...

4 0

Polytoxomane?

Polytoxikomane. Vorsicht bei so schwierigen Wörtern!

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