„Ruby lips above the water blowing bubbles, soft and fine. But, alas, I was no swimmer, so I lost my Clementine.“ Diese Ballade eines ertrunkenen Mädchens kennt in Amerika jedes Kind: „Oh My Darling, Clementine“, vermutlich entstanden 1884, dreieinhalb Jahrzehnte nach dem California Gold Rush 1849, an dem Clementines Vater teilnahm: ein „miner, forty-niner“, wie's im Lied heißt, das auch ihn sterben lässt. Oder doch nicht? Trauert der Vater im Song und nicht der Freund? Es gibt zahlreiche Variationen, darunter eine letzte Strophe, in der der Liebhaber sich tröstet: „How I missed my Clementine! So I kissed her little sister, and forgot my Clementine.“
Neil Young singt auch diese Strophe, mit seiner hohen, dünnen, klagenden Stimme, die ja immer nach Kinderlied mit Abgründen klingt. Vor allem wenn ihn Crazy Horse begleitet, die nach dem berühmten Sioux-Indianer benannte Band, die sich auf ein schweres Stampfen und Dröhnen versteht, das aus tiefsten Canyons zu kommen scheint, das jeden Song zum Trauermarsch macht und zugleich Kinder- und Volkslied sein lässt.
Woody Guthrie, neu interpretiert
So war es selbstverständlich, dass Neil Young dieses spannende Projekt mit Crazy Horse anging: eine Sammlung von „Americana“, von amerikanischen Volksliedern im weitesten Sinn. Es ist eine Antwort auf das „American Songbook“, das ja zum größten Teil aus glamourösen Balladen besteht, die den Jazzern der Vierziger und Fünfziger die Akkorde für ihre Improvisationen lieferten. Und es ist eine Definition seines Amerikas, eines Landes, das zunächst Schuld trägt: weil es seinen Ureinwohnern genommen wurde. „Crazy Horse did not like white men because they encroached upon his beloved wide-open prairie“, schreibt Neil Young im Booklet. Das Cover zeigt den Apachen-Häuptling Geronimo in Federschmuck, ein Auto lenkend.
In diesem Umfeld bekommt ein zentraler Song, Woody Guthries „This Land Is Your Land“ (1940), einen neuen Sinn: Dieses Land – „from California to the New York Island, from the Redwood Forest to the Gulf Stream waters“ – ist das Land der Indianer, denen es aber auch nicht gehört, weil Land niemandem oder allen gehört. Das ist die Freiheit, die Neil Young meint. „Nobody living can ever stop me“, singt er andächtig mit seinem „Americana Choir“, „as I go walking that freedom highway.“
„About freedom, love and death“, so Neil Young, sei ein anderer Song des Albums: „High Flyin' Bird“ von Billy Edd Wheeler, das bald zum Standard wurde, Gram Parsons sang es genauso wie Jefferson Airplane und Stephen Stills, der sich später mit Neil Young bei „Crosby, Stills, Nash & Young“ finden sollte. Es geht um die Sehnsucht nach Freiheit und Sonne, aber nicht nur metaphorisch. In einer Strophe (die in etlichen Versionen fehlt) taucht ein Bergarbeiter auf, das heißt: Er taucht nicht auf, er will nur ans Tageslicht, „he never saw the sun, but he never stopped tryin'“, klagt Neil Young: „And then one day that old man he up and died.“ In diesen Zeilen, die so knapp, so dicht sind, dass die Grammatik ihr Recht verliert, findet Young zu einem glorreichen Höhepunkt seiner Kunst zwischen Lakonie und Rührung.
Wie der Bergmann gestorben ist, zählt hier nicht, nur, dass er nie aufgegeben hat. In zwei anderen Songs ist die Todesursache eindeutig: der Galgen. In „Gallows Pole“, einem Folksong, der laut Neil Young aus Finnland stammt, bekannt etwa von Led Zeppelin, versucht ein Verurteilter dem Henker seine Unschuld zu beweisen. Sie bleibt im Dunklen wie seine Identität. „Tom Dula“ dagegen baut auf der konkreten Geschichte eines Soldaten der Konföderierten, der 1866 des Mordes an seiner Freundin beschuldigt und zwei Jahre später gehängt wurde. „Ich habe diesem Mädchen nie ein Haar gekrümmt“, sollen seine letzten Worte gewesen sein. Als „Tom Dooley“ wurde er zum passiven Helden eines Folk-Klassikers, Neil Young gibt ihm seinen Namen zurück: ein Akt der Entmythologisierung.
Umgekehrt verfährt er mit „Get A Job“, das er vom Rock'n'Roll-Hadern zum zeitlosen Miniaturdrama der Arbeitslosigkeit macht. Doch den radikalsten Eingriff wagt er in „God Save The Queen“, der britischen Hymne, die im Unabhängigkeitskrieg das Lied der Gegner war. Er ergänzt es durch das Lob des „sweet home of liberty“ und endet im von einem Damenchor unterstützten Ausruf „Let freedom ring!“
Anderswo wäre das zu viel an Kitsch, als Schluss dieser weisen Liedersammlung passt es.
„Americana“ ist Youngs erstes Album mit Crazy Horse seit „Greendale“ (2003). Es enthält bekannte Songs von „Oh Susannah“ über „Jesus' Chariot“ und „This Land Is Your Land“ bis „God Save The Queen“.
Das Final-Ergebnis im ÜberblickDänischer Sieg und Deutsche "Cascadastrophe"
Wie gut kennen Sie den Song Contest?Wer trat mit dieser Haarpracht für Österreich an?

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