19.05.2013 19:17 Merkliste 0

Trauerkönig Robert Smith regierte in St.Pölten

von Samir H. Köck (Die Presse)

Souveräne Konzerte zwischen Wut und Melancholie beherrschten den letzten Tag des Popfestivals. Hot Chip und Bloc Party feierten die Sonnenseite des Pop, The XX und The Cure wandelten im Schatten.

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Im Schatten der Überstimulierung durch Musik, Alkohol und Weißmehlprodukte ist ein Popfestival auch ein Ort der Balz: Jugendliche proben zwar meist subtil getarnt, aber doch zielstrebig Strategien im „Whirlpool of Love“, wie es einst Soulsänger Edwin Starr nannte. Dafür braucht es eine gewisse Fitness. So tauschten sich die strapazierten Besucher des „Frequency“-Festivals in St.Pölten nur zu gerne über Leistungselixiere aus, die Wunder mithilfe von Folsäure, Vitaminen und des unvermeidlichen Taurins versprachen.

Den größten Schub leistete letztlich doch die Musik: Das britische Elektronikquintett Hot Chip krönte sich zum König des Nachmittags. Wie man trotz entschieden asexueller Anmutung derart stimulierende Musik machen kann, ist nur Popmusik-Novizen ein Rätsel. Die überzeugendsten Balzsirenen kamen immer schon aus dem Kastratenfach. Wie eben Leadsänger Alexis Taylor. In dottergelben Pluderhosen und einem Trenzpatterl überm T-Shirt charmierte er mit formvollendetem Falsettgesang.

 

Keine Metrosexualität hier!

„Wacky Funsters“ nennt die britische Presse diese Band. Und wahrlich, mit Ausnahme der Schlagzeugerin Sarah Jones waren da Gestalten am Werk, die ein wenig aussahen wie Insassen einer Nervenklinik auf Tagesausflug. Ihre meist akribisch polierten Soundflächen präsentierten Hot Chip mutig mit ungeharzten Schultern. Metrosexuelle Selbstpflege-Exzesse kennen sie nicht. Joe Goddard, ein Mann mit Wamperl, kurzen Hosen und Sonnenbrillen wie frisch aus dem Kaugummiautomaten, hatte die Rolle des gutmütigen Bären übernommen, der hinter all den Fisteleien bestätigend brummelte. Neben Klassikern wie „I Feel Better“ und „How Do You Do?“ entzückte besonders das munter blubbernde „Don't Deny Your Heart“ vom neuen Opus „In Our Heads“.

Ein neues Album haben auch Bloc Party. Schlicht „Four“ betitelt, zeigt es sie unbestechlich auf dem Pfad abseits des braven Indie-Pop-Konformismus. Sie würzen ihr Songwriting und den zuweilen verträumten Gesang Kele Okorekes mit reichlich Elektronik und wütenden Gitarrensoli. Die Ballade „Real Talk“, an diesem Abend live vorgestellt, enttarnte die Frau als Entscheidungsträgerin amourösen Geschehens. Das Zögern wird hier männlich: „Show me a sign. My mind is open, my body yours“ seufzte Okoreke. Das kam der feministischen Vision der kollektiven Zähmung der Männer schon ziemlich nah. Wo wilde Songs wie „Helicopter“ und „Banquet“ die Massen in Raserei versetzten, schlich sich die Subversion bei „Real Talk“ auf leisen Pfoten an. Weiteres Highlight: der Stomper „One More Chance“, der die Balz nach einer „irrtümlichen Trennung“ aufarbeitete. „These hands will come around, you'll love their touch again“, hieß es da. Und ab morgen wird selbstverständlich alles anders: „You're gonna see!“ Ja, eh.

 

The XX: Gemütlich in der Tristesse

Noch lange nicht in der Schleife von Begehren und Reue sind The XX, das düster-romantische Trio aus Putney, einer dorfähnlichen Gegend in Südlondon, die bislang nur durch die Brauerei Young & Co's aufgefallen war. Vor Kurzem haben sie noch bei der Kaffeehauskette Costa gejobbt, nun sind sie international gehypte Stars. Ihre sanfte Musik reflektiert auf erstaunlich freundliche Weise spätpubertäre Lebenszerknirschung. Die beiden Vokalisten, Oliver Sim und die an diesem Abend 23 Jahre alt gewordene Romy Madley Croft, machten es sich auf der Green Stage mit einer gewissen Betulichkeit in der Tristesse gemütlich. Nie würden sie auf eine Totalauswechslung der Realität bestehen! Das Leiden am Vorgegebenen ist zu schön dafür. Ihren Auftritt begannen sie mit der neuen Single „Angels“, die sie von der Ästhetik von Sade Adu beeinflusst zeigt, bei der Coolness und emotionale Hitze einander nie ausschlossen. Auch das anschließende „Islands“, das perfekt mit der Magie des Minimalismus tändelt, hat bewiesen, dass die Grenzen zwischen Underground und Kommerz künstlich gezogen sind: Shakiras Version zeigte, dass Melodien ideologiefrei sind; ihre Latinversion von „Islands“ klingt fast progressiver als das Original. Bei The XX hingegen drückte jeder Ton allzu frühes Hadern mit dem Verfließen der Zeit aus. Egal ob im souligen „Tides“ oder anderen Kostproben ihres neuen Albums „Coexist“, etwa „Fiction“ oder „Swept Away“, die Band scheint das Gegenwärtige schon als etwas Vergangenes zu erleben. Vital ist das nicht gerade, aber es gefällt. Selten hat man ein Festivalpublikum so geduldig ruhige Musik genießen gesehen.

Danach erwies sich Robert Smith, ein seit 1979 sisyphosartig agierender Zampano der existenziellen Verzweiflung, mit seinen Cure als Meister auf dem Platz. Dieser zerzauste, übergewichtige Mann lebt den Weltuntergang schon so lange, dass er bei ihm zu etwas seltsam Vitalem geworden ist. In „The End Of The World“, einem seiner jüngeren Songs, begrüßte er die Katastrophe genauso freudig wie in den frühen Tagen von „Why Can't I Be You?“

 

Das hoffnungslose Herz

Zweieinhalb Stunden lang breitete er melancholische Spezialitäten aus, lechzte mit scharfer Stimme nach Drama. „Filling up my hopeless heart!“ sang er bebend, wiegte sich in den Soundgirlanden von Ex-Bowie-Gitarrist Reeves Gabrels und den stets gefährlich klingenden Bassläufen von Simon Gallup. Neben Hits von „Let's Go To Bed“ bis „The Walk“ machten rare Tracks wie das elegische „From The Edge Of The Deep Green Sea“ viel Freude. Zu „Close To Me“ tanzte Smith am Ende richtiggehend niedlich. Und immer wieder heftete er den Blick aufs begeisterte Publikum: Nach Jahren der Schmähungen haust er nun gern in allgemeiner Anerkennung. Für ihn gilt das Wort Samuel Becketts: „Künstler sein heißt scheitern, wie kein anderer zu scheitern wagt.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.08.2012)

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