Wiesen, 9. Mai, 19 Uhr. 24 Grad Celsius. Vor den Pforten des Festivalgeländes harrt eine knappe Hundertschaft dem ersten Festival der Wiesen-Saison: Dem Roaring Sixties. Schüler, Schlosser und Versicherungsvertreter
zwischen acht un 83 Jahren sind gekommen, um einigen Gründungsvätern des Rock beizuwohnen. Die Organisatoren dachten vorbildlich an die Zielgruppe des Festivals und stellten im Zuseherraum seitlich Klappsesselreihen auf.
"Wir sind die Teenie-Vorband"
Den Anfang machte die Backdoor Blues Band. Solide, wenig aufregend, dafür erdig und gerade. Die Backdoor Blues Band eben. "Ich habe einen Zugabe-Ruf" gehört leitet nach einer knappen Stunde die letzte Nummer der Formation ein.
Gegen 21:35 war es soweit: Der erste Hauptact betritt die Bühne. Them aus Nordirland, gegründet 1963 unter anderen von George Ivan "Van" Morrison. Schon seit den späten 60er Jahren wechselte die Besetzung der Band bei fast jedem Album. Bei ihrem Wiesen-Auftritt fiel vor allem die Mischung aus der klassischen Them-Musik im 60er-Jahre-Stil mit einem hochmodernen, technisch brillanten Schlagzeug auf. Dass in praktisch jeder Nummer ein bis neun Soli erklangen war ein wenig gewöhnungsbedürftig, tat der gesamt guten Stimmung aber keinen Abbruch.
An dieser Stelle sei ein Appell an die Freunde der konisch geformten Rauchtüten erlaubt: Vor dem Zelt stört es niemanden. Aber mitten im Publikum belästigt das süßliche Aroma all jene, die keine Kräuter konsumieren wollen.
Headliner 1: The Animals
Den ersten Abend krönten schließlich The Animals. Von der Originalbesetzung 1963 waren noch Micky Gallagher am Keyboard und John Steel am Schlagzeug dabei. Ganz exakt nennen sie sich nun "Animals and Friends". Der Auftritt war ambitioniert, die Hymne "House of the rising sun" blieb stilecht bis zur letzten Zugabe bewahrt. Besonders der Leadsänger John Williamson verdient angesichts seiner stimmlichen Kondition großen Respekt.
Tag 2: Warten auf die Troggs
Um 18 Uhr warteten bereits die ersten einigermaßen hungrig vor den Pforten auf Einlass. Denn am Campingplatz hatte keine der Bistro-Hütten geöffnet. Wie aus den murrenden Reihen zu hören war auch nicht am Vormittag, weshalb für viele die Suche nach Frühstück zur kleinen Odyssee wurde - an einem Sonntag in einem kleinen Ort ein geöffnetes Kaffeehaus zu finden ist gar nicht so einfach.
Den zweiten Konzerttag des Roaring Sixties eröffnete die Wiener Spaßpartie "Die 3 Extremen". Sie sind die erste offiziell "registrierte, patentierte und gut frisierte" Luftgitarrenband Österreichs. Mundaufgeblasene Luftgitarren, was Bandgründer Charly Böhm gerne betont. Die drei Bankangestellten knatterten mit ihren Harleys stilecht in schwarzer Ledermontur auf die Bühne, um alte Rocknummern mit wienerischen Texten zum Besten zu geben. So wird aus "Smoke on the water, fire in the sky" ein "Rauch' ned im Wasser, da wird die Tschick so nass". Der Auftritt endete mit einer Eigenkomposition, der EM-Hymne "Wir haben's probiert - und wenn's ned is, is ned"
Son of Dave: Was genau ist das?
Vor den großen Bands unterhielt die kanadische One-man-show "Son of Dave" die langsam eintrudelnden Besucher. Wobei wohl niemandem ganz klar war, was genau auf der Bühne passierte. Ein durchgehender Drumloop ohne Variationen, hin und wieder ein wenig bluesige Mundharmonika und zwischendurch ein paar Zeilen Sprechgesang. Er selbst nennt es "Beat Box Blues". Das Publikum wusste nicht wirklich viel mit der Performance anzufangen und verlegte in Schaaren die Pause noch vor seinen Abgang.
In dieser Pause war heißer Tee der Renner im Gastro-Bereich von Wiesen. Denn mittlerweile zeigte das Thermometer nur noch knapp 13 Grad an, die selbst im Zelt zu gefühlten fünf wurden. Außerdem waren nur wenige Gäste bereit, 3,50 Euro für einen Becher Kaffee zu bezahlen.
The Yardbirds ohne Eric Clapton
Heute bei den Yardbirds zu spielen ist mit Sicherheit nicht einfach. Gingen aus dieser Band doch Legenden wie Jimmy Page und Eric Clapton hervor. Vor allem Ben King, Lead Gitarrist seit 2005 versucht sein bestes - vielleicht eine Spur zu viel. Er spielt zwar einigermaßen virtuos, neigte aber zumindest in Wiesen ein wenig zu sehr zum Geräuschexzess. Obschon im Vorfeld gemunkelt wurde, dass Eric Clapton diesmal vielleicht sogar dabei sein könnte - seine Abwesenheit war keine große Überraschung. Die Them-Klassiker "Baby Blue" und "Gloria" - vielen wird die Nummer eher in der Doors-Version ein Begriff sein - erklangen erwartungsgemäß.
The Troggs: Immer noch wild things
Den Festivalabschluss schließlich blildeten The Troggs. Trotz ihrer vielen Bühnenjahre verströmten die Musiker rund um Sänger Reg Pressley eine ungeure Energie. Vor allem jüngere (unter 55, wie Pressley meinte), denen maximal ihre Hymne "Wild Thing" ein Begriff ist, staunten mit welchem Elan die Troggs knappe eineinhalb Stunden rockten. Auch sie hoben ihre Charterfolge "Love ist all around" und "Give it to me" bis ganz zum Schluss auf - das Publikum hüpfte, klatschte und sang dennoch ab der zweiten Nummer mit.
Alles in allem war das Roaring Sixties ein gelungenes Festival. Wie erwartet war der Besucherandrang nicht extrem groß, man hatte also im Zelt mit geschlossener Rückwand genug Platz, um sich ausführlich zur Musik zu bewegen. Und um gegen die gegen Ende gefühlten drei Grad Celsius anzukämpfen.

Impressionen: Roaring Sixties 08




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