Psychedelic und Politik

Drei Meisterwerke aus dem Brasilien der Siebzigerjahre.

Noch heute ein Star: Erasmo Carlos, von Fans umringt.
Schließen
Noch heute ein Star: Erasmo Carlos, von Fans umringt.
Noch heute ein Star: Erasmo Carlos, von Fans umringt. – (c) Beigestellt

In der Ära der Militärdiktatur (1964 bis 1985) war in Brasilien die bewusste Infiltration der reichen brasilianischen Musikstile mit Elementen westlicher Popmusik erste Pflicht aller progressiven Künstler. So mischten sich Brasiliens ureigene Musikströmungen wie Tropicalia und MPB mit Bubblegum Pop, Soul und Rock. Von Erasmo Carlos, der heute noch ein großer Star in Brasilien ist, wurden nun drei Alben aus den frühen Siebzigerjahren wiederveröffentlicht, darunter das grandiose „E Os Tremendoes“, sein erster Versuch, Soul, Funk und Pop in seine Songs zu integrieren. Der 1941 geborene, im Norden Rio de Janeiros aufgewachsene Songwriter und Sänger, arbeitete von Jugend an mit dem (nicht mit ihm verwandten) brasilianischen Superstar Roberto Carlos zusammen. Die beiden Rock'n'Roll-Gläubigen bilden seit über 50 Jahren ein Komponistenteam, das in Brasilien einen Status hat wie in Europa nur Lennon/McCartney. Auch auf diesen endlich wiederveröffentlichten, damals in Brasilien krass unterschätzten drei Alben bilden Carlos/Carlos-Kompositionen die Basis des großen Glücks. Zudem punktet Erasmo Carlos mit klug gewählten Coverversionen, etwa „De Nite Na Cama“, einer locker groovenden Marihuana-Ode aus der Feder von Caetano Veloso. „During the day everything passes like a joke“, heißt es da. In doppeldeutiger Sprache besingt er seine Liebe zur drogeninduzierten Realitätsflucht. „At the time, I won't have the courage to say“, heißt es an anderer Stelle kryptisch. Komplexe, verhuschte Arrangements wechseln sich mit direkt in die Eingeweide fahrenden Grooves ab. Die verträumten Lieder wie „Gente Aberta“ und das mit herrlicher Schrumm-Schrumm-Orgel eingepackte „Sentado à Beira do Caminho“ verwöhnen vollends. Aber auch Aufschreie wie das frech hupende „A Bronca da Galinha“ sorgen für Freude.

„Sonhos E Memorias“, eines der drei wiederveröffentlichten Alben.
Schließen
„Sonhos E Memorias“, eines der drei wiederveröffentlichten Alben.
„Sonhos E Memorias“, eines der drei wiederveröffentlichten Alben. – (c) Beigestellt

„Aquarela do Brasil“. Ein Highlight ist auch die herrlich entspannte Version von Ary Barrosos „Aquarela do Brasil“, das als inoffizielle Hymne Brasiliens gilt. Das Lied tauchte erstmals 1942 in einem Walt-Disney-Kurzfilm auf, in dem sich Donald Duck den Freuden hingibt, die den Fremden in Brasilien erwartet. Es war damals ein subversiver Akt, als linksgerichteter Künstler ein patriotisches Lied wie dieses zu interpretieren. Gleichzeitig entsprach es dem Zeitgeist der Widerständligen, die sich ihre Heimatliebe nicht von den Militärs wegnehmen lassen wollten. Man muss aber all die politischen Doppelbedeutungen nicht kennen, um diese drei vielschichtigen Alben genießen zu können. (Light In The Attic)

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Meistgelesen
    Kommentar zu Artikel:

    Psychedelic und Politik

    Schließen

    Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
    Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.